| 4. August 1997 | |
Unterwegs in neuen Welten | |
Durch die Nacht des Schlafes“, notierte Jean Paul fliegen die schimmernden Insekten von Gedanken und Träumen.“ Im neuen Programm von Laurie Anderson geht es ähnlich zu. The Speed of Darkness“ entführt in unsichere Welten und konfrontierte das Publikum in der Fabrik mit den seltsamsten Geschichten und Einfällen. Mit Synthesizern, Geige und Gesang, Hall und Verzerrung, in deutscher und englischer Sprache, gestaltete Laurie Anderson ihren eineinhalbstündigen Vortrag über die Assimilation von Mensch und Technik, über den Cyberspace als Lebensraum. Das geschah meist assoziativ, bald scherzend, bald nachdenklich. Die New Yorker Künstlerin berichtete von falschen Flirts im Internet, von Begegnungen im Flugzeug und von Therapiemodellen für Technikgeschädigte. Nun stand diese kostbare Person inmitten all der Grotesken, im Gegenlicht, sich wundernd, ironisch und poetisch. Einer muss da sein. Das Leben bedenken und festhalten. Wissen Sie, manchmal, wenn man jemanden schreien hört, geht es ja ins eine Ohr und aus dem anderen sofort wieder heraus. Manchmal geht ein solcher Schrei auch genau mitten in deinen Kopf und bleibt dort für immer. Verstehen Sie mich?“ Was die Performance leistete: Sie zertrümmerte den Ernst des digitalen Zeitalters durch Ironie. Zugleich aber unternahm sie seine ästhetische Aufbereitung. So war der Abend alles und nichts, phänomenal und unsinnig. Laurie Anderson war unterwegs und wollte durchaus nirgendwo ankommen. So auch der Rezensent. | |
| Kritik // Laurie Anderson in der Fabrik // NOLLS PASSAGE | |