26./27. Juli 1997

Ein kleines Buch über die Liebe

Zum Glück wollen sie alle. Der populärste Weg dahin führt über die Liebe und das Verliebtsein. Indes ist nicht zu behaupten, das sei ein probater Weg. Der Verliebte stürmt zu seinem Objekt, das er leichthin mit dem Glück gleichsetzt, und stürzt alsbald in einen der unvermeidlichen Abgründe. Schon wird der Glücksjäger zur Beute seiner Dummheit.

Auch Vera, Bettina, Nora, Helge, Tom und Ruth streben nach dem Glück. Sie gehen den Weg der Verliebtheiten und stürzen ab. Bettina und Tom sterben bei einem Unfall, Helge ertrinkt, Ruth vergiftet und Nora verbrennt sich. „Das Benzin reagierte vorbildlich. Mit einem dumpfen, bösartigen Geräusch entflammte es. (...) Das Fleisch schien von Noras Körper zu tropfen. Jeder Tropfen herausgerissen unter gemeinem Schmerz. Sah Nora auf ihren Arm. Wie unter schwarzen Fleischresten ein Knochen zischend brannte.“

Akribisch und unverstellt beschreibt Sibylle Berg die Verfassung ihrer Figuren. Das geschieht meist in kurzen, mithin unvollständigen Sätzen, in Abschnitten, die nur wenige Seiten zählen und mitunter einen protokollarischen Duktus aufweisen. Vorrangig berichtet das Büchlein von Beziehungen und Verliebtheiten. Gemeinsam ist den Figuren das Alter (um die 30, Nora ist jünger, Ruth ist alt), die Einsamkeit und das Unglücklichsein. Alle erwarten sie vom Leben mehr als es bietet.

Für sie gilt mutatis mutandis, was Hugo von Hofmannsthal 1892 über „Die Menschen in Ibsens Dramen“ aussagte: „Sie ermangeln aller Naivität, sie haben ihr Leben in der Hand und betasten es ängstlich und wollen ihm einen Stil geben und Sinn hineinlegen; sie möchten im Leben untersinken, sie möchten, dass irgend etwas komme und sie stark forttrage und vergessen mache auf sich selbst. (...) Wenn man ihnen verspricht, sie weit fortzubringen, rufen sie aus: `Nun werde ich doch endlich einmal wirklich leben.´ Sie sehnen sich fort, wie man sich aus grauem, eintönigem, ewigem Regen nach Sonnenschein sehnt.“

Hat sich denn an den Daseinsbedingungen seit damals nichts geändert? Dauert das Fin de Siècle unbemerkt fort? Just danach sieht es aus. Nach wie vor ist das Leben deprimierend und furchtbar langweilig. Die Menschen wissen nicht, wohin ihre Chancen verschwunden sind, wer sie ihnen gestohlen, wer sie darum betrogen hat. Sie wissen nur, dass es so weiter nicht gehen soll. „So“, sagt sich Vera, „jetzt mache ich alles anders.“

Diese Leute sitzen in Bars und beobachten den Eingang, aber kein Glück kommt herein. Wie sie immerfort warten, werden sie anfällig für die Liebe. Sie erscheint ihnen als etwas, das ihrem Leben einen Sinn verspricht oder zumindest vorgaukelt. (Und selbst Liebeskummer ist besser als Langeweile, ist immerhin ein Gefühl, eine Erinnerung an Lebendigkeit.) „Jeder kann mich haben. Es macht mir nichts. Es ist besser als alleine zu sein.“

Das mit der Liebe mag eine Weile gut gehen, doch stellt sie sich schließlich als Missverständnis heraus. Enttäuschungen sind unumgänglich. „Es ist nicht so, dass ich blöd bin. (...) Aber ändern kann ich es auch nicht. Jedesmal glaube ich an die Erlösung von was?“ Dieser Glauben ist töricht. Es wird immer wieder böse enden. Die Liebenden ahnen die Vergeblichkeit ihres Unterfangens und versuchen es dennoch; sie hoffen, diesmal nicht oder vielleicht ein bisschen besser zu scheitern. Damit liefert die Liebe der Theorie der Dummköpfe ein Paradigma.

Klug wäre allein, wer ohne Hoffnung lebte. Ausgerechnet den tumben Tom lässt die Autorin sagen: „Niemand sollte über seine Zukunft nachdenken. Es ist vermessen zu glauben, man könnte die beeinflussen oder planen.“ Eine Auseinandersetzung mit dem Nihilismus indes findet nicht statt. Was Sibylle Berg leistete, ist eine radikale und ehrenhafte Analyse der Lebensmöglichkeiten einiger Individuen. Das Leben ist ein Spiel für Verlierer. Dafür steht am Ende der Tod.

Kritik // Sybille Berg: Ein paar Leute suchen das Glück und lachen sich tot. Leipzig 1997 // NOLLS PASSAGE