| 26./27. November 1994 | |
Schlafen verboten | |
Die Nacht ist eine außerordentliche Tageszeit. Dennoch bleibt sie regelmäßig unbeachtet. Wer sie aber erlebt, wird mit dem konfrontiert, was er längst verloren glaubte: mit der Ahnung einer Freiheit. Bei Tage bin ich eine Null, bei Nacht bin ich ich selber“, lässt Fernando Pessoa den Hilfsbuchhalter Bernardo Soares sagen. Evident wird dies Angebot zur Selbstbestimmung vor dem Hintergrund der Moderne. Mit Anbruch der Dunkelheit verwandelt sich die verwaltete Welt in ein Mysterium. Nirgends ist das greifbarer als in der Großstadt. Wo tagsüber besinnungslos Geschäfte getätigt werden, begegnen nachts die Individuen. Ihre Gegensätze behauptend, entwirft die Nacht ein Gegenbild zum Tag; sie vermittelt ein Bewusstsein, das durchaus objektiv genannt zu werden verdient. Jean Cocteau: Wie eine Stadt gemacht ist, das sieht man am besten zur Nachtzeit.“ Den Versuch, dies Phänomen in eine Anthologie zu bannen, unternahm Joachim Schlör. Seine Sammlung umfasst 81 Texte und will als Collage verstanden werden. Ob ein Essay dem Gegenstand nicht näher käme, bleibt ungewiss. Denn was die Einleitung anbietet, kann getrost übergangen werden. Der entscheidende Zugriff, ein historisch-dialektischer, bleibt aus. Zwar erspäht Schlör einiges, aber er erkennt es nicht. Dabei sind die Hinweise deutlich; etwa bei Fernando Pessoa: Für einen Moment erscheint die Hoffnung auf andere Dinge.“ Die Ideologiekritik könnte sofort eine Verhandlung einberufen. Das Versprechen der Nacht heißt Zwecklosigkeit. Die Anforderungen des Tages sind ausgesetzt. Sich selbst überlassen, beginnen die Menschen eine Entdeckungsreise. Spuren wollen verfolgt werden. Der Flaneur wird zum Detektiv; Edgar Allan Poe und Philippe Souppault wissen davon. Doch erreichen nur wenige Texte deren Qualität. Einige sind deplaciert, andere sogar deplaciert und nichtig. Doch gibt es auch erfreuliche Entdeckungen zu verzeichnen: Alain René Lesage, die Romantik antizipierend, und Wladimir Giljarowski, im Stil Isaac Babel aufnehmend. Franz Kafka fehlt. Seine Skizze Der plötzliche Spaziergang“ aber bezeichnet jene Unruhe, die einen in die Nacht schickt. Paul Nizon: Die Nacht war mit dem verschwenderischsten Aufwand in ein Strahlen, Summen, Dröhnen verkehrt, in ein wahnsinnig wärmendes und aufwühlendes Nachtleben, in einen bengalischen Orkus, alles war zu haben...“ So präsentiert sich die Großstadt, den Warencharakter des Tages adaptierend, sowie Sexus und Rausch befristet sanktionierend. Aber das ist nur eine Seite. Die andere bedeutet Einsamkeit. Wenn der Rummel vorüber ist, verdunkelt sich das Leben. Die Stille schmerzt dann. Guy de Maupassant und Stefan Zweig beschreiben sie. Fernando Pessoa nennt es das böse Erwachen desjenigen, der keinen Schlaf gefunden hat“. Die Melancholie ist das Elixier der Nacht. Die Mehrzahl der Texte lässt sich auf das erste Jahrhundertdrittel datieren. Obwohl diese Zeiten, in denen Schlepper auf der Straße nach Kunden und Prostituierte im Café nach Freiern suchten, vorüber sind, wird die Nacht noch immer häufig romantisiert. Offenbar besteht da ein Bedürfnis, das im Alltag keine Realisierung findet. In die Nacht flüchtet, wer den Tag nicht erträgt. Die Nacht ist die Hoffnung der Hoffnungslosen. Um ihretwillen existiert sie. Zwingende Dokumentationen aus der Gegenwart hingegen sind nicht nur in der Anthologie selten. Das Unglück von Nachtarbeit und Gewalt wird nur am Rand behandelt. Nachts ist das Tempo ein anderes, langsamer, und die Optik eine schärfere. Die Nacht bewahrt ein utopisches Moment. Michel Leiris: Wenn ich mich um Mitternacht in eine obskure Bar setze und die abwechslungsreichen Bewegungen der Poker-Würfelbecher auf dem Mahagoni des Schanktisches verfolge, gegen drei Uhr morgens einen Cocktail trinke, einen Blues höre, so ist das jedesmal eine Freude, die ich metaphysisch nennen möchte.“ Das Subjekt, derart bestätigt, erfährt sich selbst und widersteht seinem Ausverkauf. Man möchte daher der Anthologie nachträglich noch die folgende Maxime von Alfred Delvau einschreiben: Der Mensch darf sich von Zeit zu Zeit ausruhen; Haltepunkte und Stationen sind ihm erlaubt; aber er hat nicht das Recht zu schlafen.“ | |
| Kritik // Joachim Schlör (Hg.): Wenn es Nacht wird. Streifzüge durch die Großstadt. Stuttgart 1994 // NOLLS PASSAGE | |