Dezember 2006

Heute ein König

Es werden Karten verteilt, verglichen und wieder eingesammelt. Klingt nicht besonders aufregend. Dennoch übt Poker einen enormen Reiz aus. Es geht um Wahrscheinlichkeiten, Psychologie und um Erfahrung, es geht darum, die eigenen Gewinnchancen und den Gegner einzuschätzen, ihn ins Spiel zu locken oder ihn aus dem Spiel zu nehmen, das eigene Kapital zu vermehren. Mehr noch: Poker ist wie Schwergewichtsboxen: Wer in einer No-Limit-Partie unachtsam spielt, riskiert den Niederschlag - es geht um Triumph oder Untergang.

Als Poker ausschließlich in verrauchten Hinterzimmern unter tief hängenden Lampen gespielt wurde, konnte ein zu großer Gewinn sogar das Leben kosten. Der Umstand, dass Poker vielerorts verboten war und teilweise noch immer ist, führt zu interessanten, mitunter etwas bizarren Charakteren. Nicht umsonst heißt es: Die einzige Gestalt, die merkwürdiger ist als ein Pokerspieler, ist sein Tischnachbar. Auf jeden Fall sind es harte Hunde: Als Johnny Moss einmal am dritten Tag eines Turniers eine Herzattacke erlitt, wurde er ins Krankenhaus gebracht, kam nach sechs Stunden zurück und spielte zwei weitere Tage.

Die gesellschaftliche Akzeptanz des Pokerns nimmt sukzessive zu. Das Spiel gilt inzwischen vielfach als Sport, manchen sogar als Kunst. Im US-Fernsehen gibt es ca. 300 Pokersendungen pro Monat, mit bis zu fünf Millionen Zuschauern. Hierzulande haben Pokerübertragungen oft höhere Einschaltquoten als Hand- oder Basketball. Schätzungen gehen davon aus, dass weltweit knapp 40 Millionen und in Deutschland knapp drei Millionen Menschen pokern. Der Boom begann 2003, ausgerechnet mit einem Amateur namens Chris Moneymaker: Mit 39 Dollar Einsatz qualifizierte er sich im Internet für das prestigeträchtigste Pokerturnier der Welt - und gewann es und kassierte 2,5 Millionen Dollar. Betrug der weltweite Einsatz an Online-Pokertischen damals 13,5 Milliarden Dollar, stieg er 2005 bereits auf 60 Milliarden Dollar. Die Prognose für 2008: 215 Milliarden Dollar.

Im Prinzip funktioniert Poker wie eine Wette. Mit dem Vorteil gegenüber herkömmlichen Sportwetten, dass die Chancen gerecht verteilt sind, keiner über einen Informationsvorteil verfügt. Mit dem Einsatz am Pokertisch erklärt man: Ich bin bereit zu wetten, dass meine Kartenkombination besser ist als deine. Das ist alles. Und das ist das Problem. Denn da gibt es jemanden, der diese Aussage anzweifelt, sein Blatt für besser hält. Oder so tut als ob sein Blatt besser wäre. Täuschung ist ein elementarer Vorgang beim Pokern. Würde man immer nur das Blatt repräsentieren, das man gerade hält, könnte man die Karten offen auf den Tisch legen, würde man wenig gewinnen. Der Bluff ist das Salz in der Pokersuppe; er bedeutet einen Menschheitstraum: Aus Nichts viel machen.

Nicht zu vergessen das Gefühl, durch einen geschickten Spielzug sein Kapital verdoppelt zu haben: Man fühlt sich wie ein König. Und schon in der nächsten Partie kann man mit einer vermeintlich sicheren Hand alles wieder verlieren. Poker ist eine Lektion fürs Leben. Man lernt selektives Vorgehen, Ziele zu verfolgen und mit Niederlagen umzugehen. Man lernt sich, seine Fähigkeiten und sein Verantwortlichsein kennen. Man lernt, die Effektivität der eigenen Handlungen, die Gegner und das Umfeld zu analysieren. Schließlich gilt: „Wenn man nach einer halben Stunde noch nicht weiß, wer das Opfer am Tisch ist, ist man es selbst.“

Präludium // Aufmacher für eine Pokerbeilage // NOLLS PASSAGE