18. Oktober 1999

Das Ende der Schlange an der Kasse

Robert F. fährt am Wochenende nach Hamburg und möchte seine Gastgeberin am Samstagabend ins Kabarett ausführen. Aber wohin? Der Versuch, sich im Internet schlau zu machen, endete kläglich. Über eine Stunde verbrachte er damit, Suchmaschinen, Veranstaltungskalender, private Webseiten und Kartenvorverkaufsstellen zu koordinieren. Am Ende stellte sich heraus: Der Nutzwert dieser Aktion war bescheiden. Was fehlt ist eine zuverlässige Adresse, bei der man bereits nach dem vierten Klick eine Kaufbestätigung erhält.

Dabei böte gerade das Internet verheißungsvolle Möglichkeiten. Hier kann man Flugtickets und Bahnkarten bestellen, Blumen versenden, Hotelzimmer buchen, sich rund um die Uhr und sogar multimedial informieren. Allein eine vernünftige Einrichtung für den Kartenvorverkauf hat sich noch nicht durchgesetzt. Wie könnte die aussehen? Den Besucher erwartet als Portal ein klug gegliedertes Menü. Entscheidet er sich nun für die Rubrik „Kleinkunst“ erscheinen Bilder von Hader, Hildebrand, Hüsch und Konsorten, jeweils mit Auftrittsorten und -terminen. Optional erhält man detaillierte Programmbeschreibungen und aktuelle Kritiken. Einen Mausklick später wird das Orderformular aufgerufen. Man wählt die gewünschte Anzahl Karten der gewünschten Preiskategorie, bestimmt die Lieferadresse, erhält eine Bestätigung und bekommt die Tickets noch am gleichen Tag zugestellt.

MARKT

Bereits heute wird der Kartenverkauf üblicherweise mit Software abgewickelt. Die Vorteile: Komfortable Handhabung, mehr Kundenservice und höhere Wirtschaftlichkeit. Eine gute Software besitzt nämlich nicht nur eine grafische Oberfläche, die freien Plätze anzuzeigen, sondern unterstützt auch die Kassenstelle dabei, Abonnements und Clubmitgliedschaften zu verwalten. Außerdem verfügt sie über eine Schnittstelle zur Buchhaltung, so dass nach Kassenschluss gleich ermittelt werden kann, welche Karten zu welchen Preisen verkauft wurden. Sind Soft- und Hardware sowieso schon vorhanden, warum dann das Angebot nicht auch im Internet platzieren?

Verschiedene Ticketvertreiber bedienen aus einer Datenbank alle Vertriebswege, bündeln Inhouse-Verkauf, Vorverkaufsstelle, Hotline und Internet. Obendrein entlasten sie die Veranstalter von organisatorischen Aufgaben wie Versand und Abrechnung. Der Internet-Auftritt von CTS enttäuscht jedoch. In der Rubrik „Theater/Musical“ gibt es lediglich eine bunt zusammengewürfelte Liste mit Programmtiteln. Dem Klick auf „Dornröschen“ folgt die Mitteilung: „Bitte wählen Sie einen Termin: 08.01.2000, 20:00 Uhr, Frankfurt / Jahrhunderthalle“. Drei Preiskategorien und Bestellmöglichkeit. Sonst nix. Was ist Dornröschen? Eine Lesung mit Biermann? Eine Inszenierung von Zadek? Und was bedeuten die Preisunterschiede? Der Online-Käufer wird das erst vor Ort erfahren.

Nun gibt es zwar bereits lokale, regionale, überregionale und internationale Vertriebsnetze, doch die wenigsten davon überzeugen. Das Gros dessen, was sich im Netz tummelt, sind ziemlich unausgereifte Auftritte. Das beginnt mit einem undurchsichtigen Navigationskonzept und unbrauchbaren Kategorien und setzt sich fort mit unpräzisen, gar unvollständigen Angaben. Mal fehlt die Kaufmöglichkeit, mal fehlt die Suche nach Orten, mal werden die persönlichen Daten unverschlüsselt übertragen. Zuverlässig fehlen zusätzliche Hinweise.

Da bekommt man einmal zu lesen, diese Webseite sei zur Zeit in Überarbeitung, da quält man sich ein anderes mal durch unübersichtliche Seiten, um am Ende die Meldung zu erhalten: „We're sorry! We were unable to find a match for `waits´. You can try another search here.“ Und überall sind es bevorzugt Großveranstaltungen, die sich einzig buchen lassen. Bei den deutschen Anbietern „Ticketservice“ und „Tickets.de“ sind das gerade mal zwei Dutzend Konzerte. Für einen unternehmungslustigen Suchenden lohnen sich diese Stellen also nicht.

Umständlich ist gemeinhin auch die Abwicklung der Bezahlung und Zustellung. Vielfach muss – von wegen E-Commerce – mit Scheck bezahlt werden, ehe die Karten gegen eine horrende Gebühr postalisch zugestellt werden. Und die besondere Crux: Nicht selten lassen sich die Karten nur reservieren, so dass der Kunde sich am Ende doch wieder an der Abendkasse anstellen muss. Oder er muss sie, auch das gibt es, am Postschalter oder im Reisebüro abholen.

Etwas besser sieht es immerhin in den USA aus. Aber auch „Ticketmaster“ hat nur Großveranstaltungen im Angebot, bei „tickets.com“ finden sich immerhin ein brauchbares Suchmenü und als Gimmick am Rande eine Börse, an der Karten wiederverkauft werden können. „Kundenfreundlichkeit“ versprechen alle Anbieter. Im besten Fall mag das zwar zutreffen, doch allzu oft bleibt die Auswahl der Angebote unzuverlässig, werden kleine Veranstalter ausgespart. Robert F. wird also notgedrungen umdisponieren müssen...

AUSBLICK

Festzustellen ist also: Um die Buchbarkeit von Tickets ist es schlecht bestellt. Gerade im Internet. Bislang nutzt kein Anbieter konsequent die Möglichkeiten des Mediums. Aufmachung und Umfang der existierenden Angebote sind meist dürftig, weiterführende Informationen fehlen regelmäßig. Dabei sind gerade diese Möglichkeiten im Netz nahezu unbegrenzt. Das fängt damit an, dass man sich mit einem Saalplan endlich den Platz aussuchen könnte, auf dem man wirklich sitzen will, dass man also nicht von einem mürrischen Schaltermenschen auf einen überteuerten Platz oder in die hinterste Ecke gesetzt wird.

Durch den Einsatz von Multimedia ließe sich der Service weiter steigern. Anfahrtsskizzen, Pressemeldungen, Rezensionen, Biographien, Bild- und Tondokumente wären ein löblicher Mehrwert. Auch sind weitere verkaufsfördernde Maßnahmen denkbar: Man könnte auf aktuelle CDs und Bücher hinweisen und via Mailinglisten über künftige Termine informieren. Und nach einer prompten Zustellung der Tickets könnten diese zugleich als ÖPNV-Fahrkarten zum Veranstaltungsort gelten.

Wie lassen sich nun Unterhaltungsangebote sammeln und kundenfreundlich aufbereiten? Hier hapert es am meisten. Noch gibt´s kein einheitliches System für den Kartenvorverkauf, demzufolge auch keine probate Vertriebsstruktur für den Unterhaltungsbereich. Auf der Strecke bleiben dabei einmal mehr die kleinen Veranstalter. Allein das Konzept von „Ticket United“ eröffnet ihnen die Chance, einem verkaufsfördernden Verbund anzugehören, ihre Programme im Internet zu präsentieren und Eintrittskarten online feilzubieten.

Dem „Ticketing“ als Teil des E-Commerce stehen hohe Wachstumsraten bevor. Denn das Bedürfnis nach Freizeitgestaltung wird weiter wachsen ebenso das Internet und die Bereitschaft der Leute, online einzukaufen. Schon heute shoppt jeder zehnte US-Amerikaner lieber im Netz als im Laden. Beim amerikanischen Marktführer „Ticketmaster“ machen online bestellte Karten bereits zehn Prozent des Umsatzes aus (Vorjahr: drei Prozent). Die Vorteile des Internetgeschäfts sind schlagend: geringere Kosten, größere Auswahl für Kunden, zusätzliche Informationen zum Warenangebot, aktualisierte und angepasste Sortimente sowie vor allem der bequeme Einkauf am Computer zu Hause. Fraglos: Ticketing per Internet ist ein zukunftsträchtiger Vertriebs- und Präsentationsweg.

Hintergrundtext für Pressemappe // Faktor 3 // Kunde: Tickets United // NOLLS PASSAGE