11. April 2000

Virtuelles Vereinsheim

Myriam W. ist von Berlin nach Hamburg gezogen und würde gerne Fetischparties besuchen. Nun kann sie einschlägige Magazine durchforsten oder sich im Internet umsehen – allein die gängigen Suchmaschinen helfen ihr da nur bedingt weiter. Also steuert Myriam auf www.egroups.de zu und findet dort „SM - Hamburg“. Hier bekommt sie nicht nur die gewünschten Informationen, sondern trifft auch Gleichgesinnte, mit denen sie sich per E-Mail austauschen kann. Das Internet führt Menschen zusammen. Auch darin liegt seine Bestimmung.

Was sich hinter eGroups verbirgt? Eine Plattform für Gruppenkommunikation per E-Mail. Hier haben sich 15 Millionen Menschen in 300.000 Gruppen zusammengefunden, um über für sie relevante Themen zu konversieren. Das Ganze funktioniert denkbar einfach: Auf der Startseite gibt man seine E-Mail-Adresse ein und wählt die Gruppen aus, denen man beitreten möchte. Alsdann bestimmt man, ob überhaupt, wann und in welchem Format man sich die Diskussionsbeiträge zuschicken lässt.

Mit einem monatlichen Versandvolumen von über 1,5 Milliarden E-Mails ist eGroups der welt- und europaweit größte Anbieter solcher E-Mail-Communities. Darüber hinaus stehen den Mitgliedern eine Datenbank mit Volltextsuche sowie diverse Tools zur Kommunikation und Organisation zur Verfügung. So können registrierte Nutzer innerhalb der Gruppe auf gemeinsame Daten und Dokumente zurückgreifen. Sowohl Mitgliedschaft als auch Gründung einer eGroup sind kostenfrei. Damit empfiehlt sich eGroups als die fortschrittlichste Kommunikationsplattform im Netz.

VOM DATENTAUSCH ZUR GEMEINSCHAFT

Seit jeher werden Computer miteinander verbunden, um Informationen auszutauschen. Das geschieht entweder durch Online- oder durch Offline-Systeme. Online kommuniziert wird in Foren, Mailboxen und Chaträumen sowie mit Pagern. Zu den Offlinesystemen gehören E-Mail, Mailingliste und Newsgroup; hierbei werden die entsprechenden Daten auf die eigene Festplatte kopiert und später offline bearbeitet.

Zudem unterscheiden sich all diese Anwendungen hinsichtlich Komfort, Informationswert und Interaktivität. Während Foren und Newsgroups vorwiegend der Diskussion und Problemlösung verpflichtet sind, widmen sich Chats und Pager gemeinhin dem Smalltalk. Bei Mailinglisten wiederum geht es zuvörderst darum, eine bestimmte Interessengruppe über Neuigkeiten zu unterrichten und gegebenenfalls ihre Meinungen einzuholen. Ist hingegen kein Dialog vorgesehen, spricht man eher von einem Newsletter.

Natürlich gibt es auch Ausnahmen und kombinierte Ausführungen. So bieten etwa manche Foren die Zusendung neuer Beiträge an, so halten zumindest die besseren Mailinglisten ein webbasiertes Archiv bereit. Schließlich wäre noch zu unterscheiden zwischen kommerziellen, kostenpflichtigen und privaten Anbietern. Wie auch immer. Es gibt reichlich Möglichkeiten, Informationen abzurufen und mit anderen Nutzern zu kommunizieren. Und das seit geraumer Zeit: Den Internet Relay Chat etwa gibt es seit 1988, Newsgroups seit 1979.

Von daher ist die Rede, dass Computer einsam machen, nur bedingt richtig. In manchen Bereichen bilden sich sogar eigene Sozio-Strukturen. Da werden Anwender mit organisatorischen Aufgaben betraut und Treffen vereinbart. Auf diese Weise entsteht so etwas wie ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Allein bei dem Begriff Community ist Vorsicht geboten, denn mit ihm wird derzeit reichlich Schindluder getrieben. Die arbiträre Ansammlung von Besuchern einer Webseite jedoch macht noch keine Gemeinschaft. Dazu gehört mehr.

Zum Beispiel die demokratischen Diskussionen der Mitglieder von wallstreet:online, dem unter www.wallstreet-online.de lokalisierten Finanzinformationsdienst. 65000 registrierte Nutzer erörtern hier Aktien und Märkte, verbunden durch ihre Lust auf Börse und hohe Renditen. Somit wäre Community zu definieren als freiwilliger Zusammenschluss von Menschen, die sich mehr oder weniger regelmäßig treffen, um gemeinsame Interessen zu verfolgen. Die erste Online-Community fand sich übrigens 1985 in San Francisco zusammen, gegründet von „unabhängigen Denkern“, und macht noch heute unter thewell.com einen guten Eindruck.

TREFFPUNKT ODER SAMMELSTELLE?

Es gibt Gruppen für Alleinerziehende, Broker und Politikwissenschaftler, für Lederfetischisten, Lesben und Leukämiekranke. Nur Minderheiten? Nein, normale Leute, die es aus irgendwelchen Gründen an den gleichen Ort verschlagen hat. Der Mensch ist ein soziales Wesen, das Austausch sucht. Im Internet kommen Individuen mit bestimmten Interessen, Bedürfnissen und Werten zusammen, die sich sonst womöglich niemals getroffen hätten. So bedeuten die verschiedenen Gesprächsangebote mehr als virtuelle Vereinsheime: eine soziale und organisatorische Innovation.

Die dynamische Struktur des Internets gestattet erstmalig eine globale Kommunikationspraxis. Nutzer aus aller Welt sind hier an der Kreation beteiligt, Teil des Angebots, engagiert beim Auf- und Ausbau der Gemeinschaften. Es liegt in ihrer Macht, ob eine von ihnen mitgestaltete Gruppe interessant ist oder nicht. Nicht umsonst gründen die enormen Wachstumsraten mancher Anbieter allein auf Mundpropaganda. Ehe wir uns einzelnen Grupppen und Funktionsweisen zuwenden, noch einige kritische Anmerkungen. Ist es nicht zynisch, von einer „globalen Kommunikationspraxis“ zu sprechen, da große Teile der Menschheit nicht einmal über Wasserleitungen geschweige denn Telefon verfügen? Unschön außerdem, dass in den Weiten des Internets auch illegale Inhalte verbreitet und ungefragt persönliche Daten an Dritte weitergegeben werden. Doch handelt es sich dabei um Einzelfälle, denen inzwischen strafrechtlich beizukommen ist.

Das Spektrum der Kommunikationsgruppen reicht vom Forschungskreis „Anaerobe Mikroben“ bis zum Lesezirkel „Witz des Tages“. So verschieden wie die Themen sind auch Alter, Beruf und Nationalität der Teilnehmer. Das Internet ist eine Drehscheibe für geschäftliche, gesellschaftliche, politische, wissenschaftliche, kulturelle und private Gespräche. Während Mediziner das Netzwerk ProMED nutzen, tauschen Eltern Erfahrungen im ParentsPlace aus, besuchen Senioren das SeniorNet, diskutieren PC-Freaks in der Compunity.

Eine lohnende Sammlung von Interessengruppen sind die Yahoo-Clubs (clubs.yahoo.com). Das Angebot beinhaltet die Nutzung gemeinsamer Ordner für Fotos, Links, Listen und Termine sowie Messenger und Chat. Nachteil: Man muss online sein. Günstiger und aufgrund ihrer Regelmäßigkeit womöglich auch interessanter sind da jene Anbieter mit einer auf dem Versand von E-Mails basierenden Kommunikationskultur.

BEITRÄGE IM BRIEFKASTEN

Solche Plattformen zur Gruppenkommunikation per E-Mail werden bereitgestellt von eGroups, eCircle und Coollist. Die einzelnen Gruppen fungieren gewissermaßen als bessere Mailingliste, warten mit Komfort und zusätzlichen Applikationen auf. Technisch funktioniert das so: Jede Gruppe hat eine Verwaltungs- und eine Listenadresse. Um einer Gruppe beizutreten, schreibt man an die Verwaltungsadresse. Dort sorgen entweder der Gruppengründer oder spezielle Programme wie majordomo und listserv dafür, dass die eigene Adresse in den allgemeinen Verteiler aufgenommen wird. Und schon kann es losgehen. Jede an die Listenanschrift gesendete E-Mail wird an alle Teilnehmer weitergeleitet. So erfährt jeder, was die anderen zu sagen haben.

Dem gegenüber haben herkömmliche Mailinglisten zunächst den Nachteil, dass sie nur schwer ausfindig zu machen sind. Die Suchmaschine Meta-List (www.meta-list.net) kennt zwar 235000 Mailinglisten, liefert dafür Dopplungen und leistet selten eine Beschreibung der jeweiligen Angebote. (Verzeichnisse von Mailinglisten gibt´s unter www.liszt.com, www. mail-archive.com, www.gweep.bc.ca/~edmonds/usenet/ml-providers.html, www.catalog.com und vivian/interest-group-search.html.)

Bei www.coollist.com indes schreckt man schon auf der Eingangsseite zurück: Schlechte Navigation und lange Ladezeiten wirken wenig einladend. Besser sieht das bei den deutschsprachigen Anbietern www.ecircle.de und www.egroups.de aus. Dem Nutzer werden übersichtliche Kategorien und Kurzbeschreibungen der Gruppen offeriert, auch kann er mühelos selbst eine Gruppe gründen. Wem also an einem organisierten und geregelten Austausch zu bestimmten Themen gelegen ist, wird es hier versuchen. Gruppenkommunikation per E-Mail ist der Trend im Internet. Damit findet das Medium gewissermaßen – freilich auf höherem Niveau – zurück zu seinen Anfängen.

Unter den Namen eGroups.com Inc. haben sich im November 1999 die Marktführer ONElist und eGroups.com zusammengeschlossen. Ihr gemeinsames monatliches Versandvolumen ist zehnmal größer als das des nächsten Mitbewerbers. Die durchschnittliche Wachstumsrate von einer Millionen Neumitgliedern pro 25 Tage lässt sich allenfalls mit den Zuwächsen von ICQ oder eBay vergleichen. Schon aufgrund der Marktdurchdringung empfehlen sich eGroups als Anlaufstelle. Dachte sich auch Myriam W. und hatte damit Erfolg.

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