17. Februar 1999

Marginalien, meisterlich

„Sollte mir nichts Besseres einfallen, werde ich der Welt zu ihrer Rettung einen Bewusstseinswandel empfehlen.“ Hans Blumenberg (1920-1996) wusste um die Wirkung solcher Sätze, nicht selten spendierte er ihnen einen eigenen Absatz. Angetrieben von einem kolumnistischen Ehrgeiz – einen Teil der Texte schrieb er für die F.A.Z. –, leistete er sich sogar Eitelkeiten und Kalauer. Warum sollte Blumenberg nicht auch mal Spaß haben respektive machen?

Mit dem eingangs zitierten Satz eröffnet Blumenbergs Beitrag zu dem inflationär genutzten Begriff des Bewusstseinswandels. Ein großes Wort. „Wenn man nur wüsste, was es zu bedeuten hat? (...) Wer wandelt was beim Bewusstseinswandel?“ Letztlich handelt es sich nur um eine Formel, die Schlichtheit des Gemeinten zu kaschieren. „Je mehr verlangt wird, umso unbestimmter wird zumeist, worum es sich handelt.“ Solcherart ist das Kaliber der „Begriffe in Geschichten“, eine Sammlung von 106 Marginalien, meisterhaften freilich, im Umfang von einer halben bis zu sechs Seiten.

Blumenberg präsentiert sich als philosophierender Schriftsteller. Seine Darstellung der Begriffe entzündet sich an ihrem unkritischen Gebrauch und an Geschichten, die er bei Nietzsche, Schnitzler, Freud oder Fontane aufgelesen hat. Blumenberg nimmt sich der ihm angetragenen Fälle an, um Wesentlichkeiten herauszuarbeiten. Sein Anliegen ist es, das Konkrete, gar das vermeintlich Triviale zu beschreiben, nicht aber, es zu erklären oder zu inventarisieren. Blumenberg gehört keiner Schule an, er philosophiert gewissermassen unter freiem Himmel. Statt auf eine Geschichte setzt er auf viele.

Das alphabetisch sortierte Textspektrum reicht von Ambiguitätstoleranz bis Zeitverlauf. Blumenberg lässt sich aus über Geschmacksurteil, Gesundheit und auch über Erinnerung und Identität. Einmal schreibt er: „Der Schlaf ist eine Zumutung an jeden Realismus, an jede Insistenz auf Identität, sogar an jeden Leistungstrieb.“ Es sind das Geschichten, die sich selbst aufwickeln. Man muss mit ihnen Geduld haben. Blumenberg hält die Begriffe in der Hand, dreht, wendet und klopft sie, probiert und problematisiert sie, und immer wieder schöpft er aus seiner ungeheuren Gelehrsamkeit kluge Einfälle. Fast könnte man meinen, die Texte, launige und kunstvolle Etüden, Variationen, Denkfiguren, Illuminationen und Polemiken, seien auf Zuruf entstanden, improvisiert worden.

Keine Frage: Blumenberg konnte schreiben. Und seine gedankliche Brillanz und sein sprachlicher Eigensinn machen ihn sympathisch. Gleichwohl ist man bei der Lektüre doch manches Mal aufgelegt, nach dem Nutzen dieser Veranstaltung zu fragen. Wohl lassen sich famose Aperçus abschöpfen wie „Beiläufigkeit gehört zu den Gipfelleistungen der Libertinage“. Andererseits: Realisiert sich Libertinage nicht überhaupt erst in Beiläufigkeit, also in der Abwesenheit von Mühsal? Bemerkt man auch Verkürzungen oder Verwirrungen, die Lektüre lohnt allemal, trägt zur intellektuellen Gesundung bei.

Kritik | Hans Blumenberg: Begriffe in Geschichten. Frankfurt a. M. 1998 | NOLLS PASSAGE