| 10. Februar 1996 | |
Rindviecher sollen nicht lachen | |
Dummheit war nicht seine Stärke. Dennoch wurde Daniil Charms regelmäßig verkannt, mithin für einen Kretin gehalten. „Hier, bei allen hiesigen Einwohnern, gelte ich als Idiot. Auf der Straße muss mir unbedingt jeder etwas hinterherrufen.“ (Brief vom 23. Juli 1932 aus Kursk an Aleksandr Ivanovic Panteleev.) Charms litt an diesem Unverständnis, suchte nach Gründen, klagte sich selbst an, verzweifelte schließlich: „So weit habe ich es gebracht. Ich habe Angst vor dem Leben. Der Mensch darf sich nicht von seinem Leben fürchten.“ (Notizbuch, 21. Juli 1937) Offenbar eignete dem am 17. Dezember 1905 in St. Petersburg geborenen Daniil Ivanovic Juvacev das Talent zur Tragik. Entstanden ist es aus einem existentiellen Widerspruch. Dieser Mensch war schlechterdings nicht einverstanden mit dem Leben. Darum versperrte er sich ihm durch seine Verschrobenheit und nicht immer leicht zugänglichen Texte. Das brachte ihm Unverständnis und Ablehnung ein. Einer der wenigen, die ihn erkannten, war sein Kollege Jakov Druskin: „Charms sah die Nichtigkeit und die Leere des mechanisierten Lebens, die Verknöcherung im Automatismus des Denkens, Fühlens und des Alltagslebens, die Leere und Absurdität einer Existenz, die bestimmt wird durch Worte wie: `wie alle´, `so ist es üblich´ (...) Nicht seine Erzählungen sind absurd und alogisch, sondern das Leben, das er in ihnen beschreibt.“ Bei Charms selber finden sich derlei große Begriffe nicht. Jedoch enthält „Das theoretische Heft“ einen Dialog, der eben diese Erfahrung der Entfremdung voraussetzt: „Hat unsere Arbeit schon begonnen? Und wenn, worin besteht sie? - Unsere Arbeit wird sofort beginnen, und sie besteht in der Registratur der Welt, denn wir sind nicht mehr die Welt. - Wenn wir nicht mehr die Welt sind, was sind wir dann? - Doch, wir sind die Welt. D.h., ich habe mich nicht ganz richtig ausgedrückt. Wir sind noch Welt, aber wir sind allein für uns, und sie ist für sich.“ Das sich außerhalb der Welt wähnende Subjekt ist ein spezifisch modernes Phänomen. Schon Hugo von Hofmannsthal gestand in einem Brief vom 10. Mai 1896 an Richard Beer-Hofmann: „Mir kommt vor, ich lebe unter der Welt, wie ein Dachs, oder noch eher neben der Welt.“ Drastischer noch als in der k.u.k. Monarchie dürfte dieser Eindruck jedoch im (post-)revolutionären, später stalinistischen Rußland ausgefallen sein. Mehrfach brach die Geschichte in Charms' Existenz ein und bedrängte ihn. So vermerkte Charms am 30. November 1938 in sein Notizbuch: „Mein Gott, was für ein entsetzliches Leben, und ich in was für einem entsetzlichen Zustand. Ich kann nichts tun. Dauernd will ich schlafen, wie Oblomov. Keine Hoffnung. Heute haben wir das letzte Mal gegessen.“ Sieben Jahre zuvor verhaftete man ihn wegen der „Organisation und Beteiligung an einer illegalen antisowjetischen Vereinigung von Literaten“ und verbannte ihn in die Provinzstadt Kursk. 1941 wurde er in Leningrad erneut festgenommen. Diesmal warf ihm die Anklage „Verbreitung defaitistischer Propaganda“ vor. Sogar untersuchte man ihn auf seinen Geisteszustand hin. Er starb im Gefängnis am 2. Februar 1942. Doch soll es hier weniger um die Tragik seiner Person als um seinen konsequenten Formwillen gehen. Der erst macht ihn einzigartig, sichert ihm einen vorderen Platz in der Literaturgeschichte. Charms war ein Meister der absurden Skizze. Wie keine andere Erzählform taugt diese dazu, das so genannte normale Leben einzuholen. Beispiel: „Eine alte Frau lehnte sich aus übergroßer Neugierde zu weit aus dem Fenster, fiel hinaus und zerschellte. Aus dem Fenster lehnte sich eine zweite alte Frau und begann, auf die Tote hinabzuschauen, aber aus über- großer Neugierde fiel auch sie aus dem Fenster, fiel und zerschellte. Dann fiel die dritte Frau aus dem Fenster, dann die vierte, dann die fünfte. Als die sechste Frau hinausgefallen war, hatte ich es satt, ihnen zuzuschauen und ging auf den Malcev Markt, wo man angeblich einem Blinden einen gestrickten Schal geschenkt hatte.“ Es wird offenkundig: Der Wahnsinn ist mitten unter uns. Die absurde Skizze quittiert diesen Sachverhalt mit einem zackigen, bitteren Lachen. Freilich ist das eine sehr hintersinnige Art von Humor. Sie erschließt sich allein demjenigen, der in einem ähnlichen Verhältnis zum Leben steht. Charms ist ein Komiker aus Verzweiflung, ein tragischer Schelm. Am leichtesten einzusehen ist das wohl im privaten Bereich; aus einem Brief an Tamara Aleksandrovna Mejer-Lipavskaja vom 17. Juli 1931: „Wir haben alle sehr große Sehnsucht nach Ihnen. Ich habe mich schon in drei schöne Frauen verliebt, die Ihnen ähnlich sind.“ Ein pathetischer Scherz, ein Lächeln mit Tränen. Aber es ist auch eine gewollt exklusive Komik - denn: „Rindviecher sollen nicht lachen.“ (Notizbuch, 25. September 1933) Seit Jahren schon arbeitet die Branche an der Rehabilitierung des Literaten Charms. In Deutschland sind derzeit neun Titel lieferbar, zwei vergriffen. Der Band „Alle Fälle„ bietet nun das „unvollständige Gesamtwerk". Das Oxymoron verrät ja schon einiges über die ärgerliche Editionspraxis. Trotzdem: Für alle, die von Charms bislang wenig gelesen haben, ist dieses Buch empfehlenswert. Zur Ergänzung bieten sich die Schreibhefte" Nr. 39 und 40 an, die der von Charms mitbegründeten Künstlervereinigung „Oberiu“ gewidmet sind, sowie der Auszug aus den Notizbücher „Die Kunst ist ein Schrank“ (Friedenauer Presse, Berlin 1992). „Alle Fälle“ sammelt hauptsächlich bereits Bekanntes, jedoch nicht vollständig: Vor allem Kurzprosa, aber auch dramatische Skizzen, Erzählungen, Parodien, Briefe und Tagebucheintragungen. Naturgemäß lassen Fragmente den Leser düpiert zurück. Immerhin kann er verschiedene Formen unterscheiden: Einige Stücke verursachen eine grenzenlose Verwirrung, andere hingegen lösen eine gezielte Irritation aus. Bei Charms finden sich beide Fälle – und noch einige mehr. Da gibt es junge und alte Männer, schöne Frauen, Menschen in einer großen Stadt, die sich zufällig treffen und einander Botschaften austauschen oder verprügeln. Gewalt, Erniedrigung und Konfusion spielen in vielen Texten eine Rolle. Derart spiegeln sie die Umstände ihrer Entstehung wieder. Abschließend noch eine Geschichte: „Einmal ging Andreij Vasiljevic die Straße entlang und verlor seine Uhr. Bald darauf starb er. Sein Vater, ein buckliger älterer Mann, saß die ganze Nacht im Zylinder und preßte in der linken Hand das Spazierstöckchen mit dem hakenförmigen Griff. Verschiedene Gedanken besuchten seinen Kopf, unter anderem auch der: das Leben ist eine Schmiede.“ Eine Schmiede? Das klingt verrückt, ist es aber keineswegs. Versteht man die Schmiede als Metapher, gelangt man zu der Aussage: Das Leben ist eine Einrichtung, in der Schläge ausgeteilt werden. Selbst das vermeintlich Sinnlose besitzt also einen Sinn. Zur Ermunterung potenzieller Leserinnen möchte man daher dem Buch nachträglich noch die folgende Maxime des von Charms bewunderten Sherlock Holmes einschreiben: „Man hat die Anhaltspunkte schon fast gefunden, wenn man weiß, dass sie da sind.“ | |
| Kritik | Daniil Charms, Alle Fälle. Das unvollständige Gesamtwerk. Hg.: Peter Urban. Zürich 1995 | NOLLS PASSAGE | |