| Juli 2004 | |
Auf der Suche nach Phantásien | |
Als es Michael Ende in Deutschland nicht mehr aushielt, ging er nach Rom. Das war 1971. Die Stadt inspirierte ihn zu seinen größten Erfolgen,unter anderem zur „Unendlichen Geschichte“. Zum 25. Jubiläum des Klassikers kommt jetzt die Neuausgabe. Eine Spurensuche in Rom. „Ich muss mich dauernd rechtfertigen, kann mich gar nicht mehr entfalten“, klagte Michael Ende vor seinem Umzug nach Italien. In der „erstickenden Atmosphäre“ Deutschlands wurde er nicht als fantastischer Autor im Sinne der Romantik konsumiert, sondern als Verfasser von „Fluchtliteratur“ denunziert. Am Ende entwickelte er eine Gereiztheit gegenüber allem Deutschen, dass er schon fürchtete, „der eigenen Nation gegenüber ungerecht zu werden“. Kurz: Er fühlte sich missverstanden und verfolgt. Als selbst Freunde ihn mit dem Eskapismus-Vorwurf behelligten, hatte er er die Nase voll, packte seine Sachen, floh nach Rom und schrieb dort die fantastischsten Romane: „Momo“ und „Die unendliche Geschichte“. Rom war schon immer anders. Die ewige Stadt hat eine scheinbar unendliche Geschichte. Zeit spielt hier keine Rolle. Auch heute nicht. Mein Zug steht bereit, fährt aber erst eine halbe Stunde verspätet ab. Roman Hocke (50), mein Gastgeber sowie langjähriger Lektor, Freund und Nachbar von Michael Ende, erklärt, das sei normal. Dass die Menschen sich hier Zeit lassen, passt zu „Momo“. Der Roman aus dem Jahr 1972 ist offenkundig geprägt von der römischen Kultur und Lebensweise. Ende entwirft in ihm ein Plädoyer für Zeit, Toleranz und Freiheit, gegen Hast, Gleichförmigkeit und Kälte. Nicht umsonst erklärte der Autor später, das Buch sei „Dank und Gruß an die wunderbare Stadt und ihre liebenswürdigen Menschen“. Wir treffen den Fotografen, gehen in eine Bar, trinken jeder zwei Espressi und planen den Tag. Es gibt viel zu sehen und noch mehr zu erzählen. Da ist Roman Hocke in seinem Element: In Rom aufgewachsen und mit der Lebenswelt von Michael Ende wie kaum ein anderer vertraut, versteht er es, uns die Stadt so aufzuzeigen, wie Ende sie sah. Und der Schriftseller sah vieles, war vernarrt in die Geschichte und Geschichten der Tiber-Metropole. In Rom ist fast alles möglich. Die Stadt hat alles, um Welt und Menschen miteinander zu versöhnen. Rom ist eine Stadt der Wunder. Hier konnte sich Michael Ende, der in seinen Werken wundervolle Welten schuf, entfalten. Hier fand er seine Zuflucht, sein persönliches Phantásien. „Das Fantastische hat in Rom Tradition“, weiß Roman Hocke zu berichten. „Besonders im Barock und Manierismus entstand hier eine einmalige Fülle fantastischer Sinnbilder und Bildwelten. Michael Ende hat regelmäßig Freunde und Besucher auf diesen mythischen Hintergrund hingewiesen. Er war begeistert von der Welt hinter der Welt. Nach dem in Deutschland erfahrenen Unverständnis fand er sich hier in einer Tradition aufgehoben und in seinem Weltbild bestätigt.“ In der Tat sind Straßen und Plätze der Metropole nicht nur Tag und Nacht mit Menschen, überdies sind Brunnen und Hausfassaden mit fantastischen Figuren und Fabelwesen bevölkert. Dass diese fantastische Stadt seit jeher Künstler inspiriert, wundert nicht. Wo sonst werden Kirchen umgebaut zu einer „Akademie des Überflüssigen“ oder zu Kneipen? Da befinden sich Pissoirs in einer ehemaligen Sakristei, da führt uns der Wirt einer Trattoria nach Mitternacht ins Kellergewölbe, um uns antike Überreste eines Pfandhauses zu zeigen. Weniger turbulent, aber nicht minder magisch ist Genzano di Roma, rund 30 Kilometer südöstlich vom Zentrum, in den Albaner Bergen gelegen, oberhalb der Via Appia. In den schmalen Gässchen der mittelalterlichen Altstadt scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Hier, im „Garten Roms“, wohnten heidnische Götter, römische Kaiser und Adelsfamilien. Castel Gandolfo, die Sommerresidenz des Papstes, liegt gewissermaßen um die Ecke. „Caligula und Cicero waren quasi unsere Nachbarn“, erläutert Roman Hocke, „aber die sind weggezogen, ehe wir hier waren.“ Am Dorfrand, im „Tal der Seligen“, in der „Casa Liocorno“ (Villa Einhorn), inmitten eines Olivenhains, wohnten Michael Ende und seine Frau, die Schauspielerin Ingeborg Hoffmann, knapp 15 Jahre - umgeben von Hunden, Katzen, Schildkröten, Bambus, Pinien, Palmen und Aprikosenbäumen. Michael Ende schätzte die Ruhe und Abgeschiedenheit, liebte es, bis zum Mittag zu schlafen, und begab sich gegen 15 Uhr an die Arbeit.Die Nachbarn kannten und schätzten ihn als gebildeten und geselligen Menschen, der sein Geld mit Büchern verdient und hier und da auf der Gitarre eigene und fremde Lieder vortrug. Wenn er nicht gerade tief in der Arbeit steckte, traf sich Ende abends mit Freunden, Intellektuellen und Künstlern zu endlosen Gesprächen. „Michael Ende führte gerne lange Gespräche, um sich selbst klarer zu werden“, berichtet Roman Hocke. „Dabei hatte er das seltene Talent, sich auf fremde Argumente einzulassen.“ Er war ein Suchender und Staunender, der die Welt hinter der Welt erkennen, die Zusammenhänge verstehen wollte. „Er war hungrig nach Sinn und Sinnerlebnissen“, so Hocke. Poesie und fantastische Geschichten waren sein Lebenselixier. Denn, so Ende: „Wir haben den Nullpunkt erreicht. Es ist uns gelungen, alle Werte aufzulösen. Und nur, indem wir den Mut haben, dort hineinzuspringen in dieses Nichts, können wir die eigensten, innersten schöpferischen Kräfte wieder erwecken und ein neues Phantásien, das heißt eine neue Wertewelt aufbauen.“ Das ist sehr wohl politisch: Denn nur wer mit der gegebenen Welt nicht zufrieden ist, erfindet Geschichten und neue Welten. Doch der Weg nach Phantásien, wie ihn Bastian Balthasar Bux, die Hauptfigur der „Unendlichen Geschichte“, erlebt, ist lang und schwierig. „Es gibt Menschen, die können nie nach Phantásien kommen, und es gibt Menschen, die können es, aber sie bleiben für immer dort. Und dann gibt es noch einige, die gehen nach Phantásien und kehren wieder zurück. Und sie machen beide Welten gesund.“ Das ist Endes politische Hoffnung. Der Schriftsteller trat sein Leben lang gegen Bedeutungsleere an. Er war immerfort auf der Suche nach einer bewohnbaren Welt und Sinnperspektiven. Gegen das Faktische setzte er die Poesie, mit der Fantasie konterte er der Entzauberung und dem Ausverkauf der Erlebniswelt. Mit den Worten des Politologen Iring Fetscher: „Nur wer von einer besseren Welt träumen kann, gewinnt die Kraft für ihre Verwirklichung.“ Michael Ende wird am 12. November 1929 in Garmisch-Partenkirchen geboren. Mit seinem Vater Edgar, einem surrealistischen Maler, lernt er die Welt sehen und die Schwabinger Boheme kennen. Als junger Mann besucht er die renommierte Otto-Falckenberg- Schauspielschule, 1964 heiratet er die acht Jahre ältere Schauspielerin Ingeborg Hoffmann. Zwischenzeitlich versucht sich Ende als Kabarettautor, kommt aber nie auf einen grünen Zweig. Erst mit „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“ (1960) gelingt ihm der literarische Durchbruch. Die Weichen waren gestellt, Ende erklärt: „Ich will meinen Leser zunächst einmal unterhalten. Ich will ihn zu einer Art gemeinsamen Spiels einladen, und wenn er sich auf das Spiel einlässt, wird er dabei einiges erleben, was ihn vielleicht innerlich reicher macht.“ Diesen Anspruch realisierte Michael Ende 1979 musterhaft in einem Werk, das seinen internationalen Ruhm begründete: „Die unendliche Geschichte“. Täglich treffen Körbe mit Leserpost ein, Ende wird Kult, beinahe als Guru gehandelt. „Ohne Anmeldung, ohne an der Tür zu klingeln, betraten die Leute sein Grundstück“, erinnert sich Hocke. „Nachdem sie den Petersdom besichtigt hatten, gingen sie den Ende besichtigen.“ Mitten in diese Zeit der Anerkennung und des Zuspruchs reißt ein Schicksalsschlag Michael Ende aus dem Gleichgewicht: Im März 1985 stirbt seine Frau Ingeborg. Ende verlässt die Casa Liocorno und zieht nach München. Dort lebte er noch zehn Jahre. Aber das ist eine andere Geschichte. |
|
| Feature | Der Schriftsteller Michael Ende in Rom. Eine Spurensuche | NOLLS PASSAGE | |