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Letzte Zuflucht | |
Vielfach wurde schon sein Verschwinden beklagt, aber das Wiener Kaffeehaus existiert noch immer, wird sogar munter in anderen Städten kopiert. Doch das gelingt nur selten, zu sehr ist es an Wien und seine Tradition gebunden. Denn Kaffeehaus bedeutet entschieden mehr als eine gastronomische Einrichtung. Niemand geht allein wegen des Kaffees in ein Kaffeehaus, der ist oft nur ein Vorwand - was zählt, ist der geistige Austausch. Das bestätigt der Schriftsteller Ludwig Hirschfeld: „Hier werden Meinungen gebildet, Gemeinplätze und manchmal auch Gemeinheiten. Hierher kommt man immer wieder und bei jedem Anlass.“ Ein Kaffeehaus braucht keine Gäste, sondern Bewohner. Viele frühere Kaffeehäusler benutzten es als daher als eine Art erweitertes Wohnzimmer. Friedrich Torberg gehörte zu ihnen und erinnert sich: „Dort wurden sie telefonisch angerufen, und wenn sie zufällig nicht da waren, nahm der Ober die Nachricht für sie entgegen. Dort trafen sie ihre Freunde und ihre Feinde, dort musste man hingehen, wenn man mit ihnen sprechen wollte, dort lasen sie ihre Zeitungen, dort diskutierten sie, dort lebten sie.“ Ein weiterer Vorzug des Kaffeehauses ist sein unverbindlicher Charakter. Man schätzt die Möglichkeit, ein Gespräch führen zu können, genießt aber ebenso die Befreiung von der Pflicht, ein Gespräch führen zu müssen. Zwischen den Gästen besteht ein Zusammengehörigkeitsgefühl besonderer Art, es wurzelt im Müßiggang. Also nur Nichtstuer? Keineswegs. Der Wiener Journalist Milan Dubrovic erklärt: „Es waren Leute aller Altersstufen, die verschiedenen Berufsgruppen angehörten, die sich aber von der Norm des Durchschnittsbürgers dadurch abhoben, dass sie ein ungleich stärkeres geistiges Interesse hatten.“ Wie sieht die Wiener Kaffeehauslandschaft heute aus? Der Verfasser hat sich umgesehen. Sein Aufenthalt begann mit einem Besuch des „Café de l'Europe“ am Graben, das mittlerweile nicht mehr darstellt als jedes beliebige Durchschnittscafé. Erfreulich dagegen das „Café Central“: 1876 gegründet, feierte es 1986 die Wiedereröffnung. Zwar beheimatet es längst keine intellektuelle Gegenwelt mehr, aber Säulenhalle und Arkadenhof lohnen nach wie vor den Besuch. Auch das 1899 von Adolf Loos kreierte „Café Museum“ ist zu empfehlen, ist ihm doch eine ungewöhnliche Lebendigkeit eigen. Schließlich das „Hawelka“, 1945 von Josefine und Leopold Hawelka gegründet. Bezeichnend, was der Romancier Elias Canetti in das Gästebuch schrieb: „Ich kam zufällig herein und dachte, ich hätte gefunden, was ich in Wien am meisten suche. Nichts wird mir in London so abgehen wie das Hawelka.“ Diese Stadt, meinte schon Bertolt Brecht, ist um einige Kaffeehäuser herum gebaut. Genügte ein Etablissement den Ansprüchen nicht mehr, ging man einfach in das nächste. Kulturhistorisch sind daher etliche Kaffeehäuser bedeutsam. Manche davon existieren nicht mehr oder nur in einem kaum wiedererkennbaren Zustand. Nichtsdestotrotz kann die oder der Wienreisende noch diverse Entdeckungen machen. Einige seien hier benannt: Bräunerhof, Sperl, Grillparzer, Schopenhauer, Eiles, Dommayer und das Kleine Café. - Es gibt sie also noch: Würdevolle Kaffeehäuser, die sich jener Betriebsamkeit verweigern, die das Individuum zu liquidieren droht.
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Hawelka, Museum, Imperial (2),Central. Alle Fotos stammen vom Verfasser | |
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