Februar 2008

Konfusion statt Kollaberation

Am Anfang waren es bejubelte Bestrebungen. Informationstechnologie und Telekommunikation sollten das Leben vereinfachen. Dann kamen mäßig begabte Berater und Experten, die unablässig Phrasenmüll produzierten und die Anwender in einer babylonischen Verwirrung zurückließen. Es regiert längst das Kauderwelsch. Erklärungsversuche und Lösungsansätze nebst einer Ermahnung zum sorgsamen Umgang mit der Sprache.


Bei CMC handelt es sich um eine Applikations-Schnittstelle (API), die es MHS-Agents ermöglicht mit Message Transfer Services (MTS) zu kommunizieren. Ist das gut für das Enterprise Resource Planning (ERP) oder die Connectivity? Stellt das eine vertikale Lösung oder eine kontextsensitive Operation dar? Tangiert das die OLAP-Funktionen oder die Post Merger Integration? Müsste man nicht ein aufwärtskompatibles Application Performance Management oder ein Common Warehouse Metadata Interchange proprietär implementieren?

Das IT-Personal pflegt oftmals einen derart elenden Jargon, dass darin Ungeübte nichts verstehen. Ärger noch wird es, wenn Beratungs- und Marketingfloskeln hinzukommen, wenn beispielsweise speziellen Fähigkeiten in prozessintegrierter Kompetenzentwicklung kontinuierliche Weiterentwicklung widerfährt. Dann steht man unversehens vor einer Wortmüllhalde und etwaige Inhalte sind verschüttet. Geschieht das absichtlich? Soll diese Inkontinenz etwa Imkompetenz verbergen? Mitunter drängt sich der Eindruck durchaus auf. Klare Gedanken und Aussagen wären sicher dem Ziel und der Zielgruppe angemessener, überdies effizienter. Man könnte sich gleich der inhaltlichen Herausforderung widmen statt stundenlang das IT-Lexikon durchforsten zu müssen.

IT und Normalmensch haben gemeinhin also ein Kommunikationsproblem. Das führt wiederum zu einem problematischen Verhältnis zwischen Mittelstand und IT. Das Scheitern irgendwelcher IT-Projekte wird meist mit fehlenden Vorgaben, zu geringem Budget, zu engem Zeitrahmen oder technischen Probleme erklärt. „Inzwischen weiß man aber“, so Harald Klose von der Unternehmensberatung Klose und Srocke, „dass die wahren Ursachen im kommunikativen Bereich und in den unterschiedlichen Sichtweisen der Beteiligten begründet sind.“ Wie sehen diese unterschiedlichen Sichtweisen aus? Dazu Heinrich Seeger, renommierter IT-Journalist und Medienberater sowie Managing Editor bei Heise: „Die IT denkt, sie könne alle Mittelstands­probleme lösen. In Wirklichkeit sind die drängendsten Mittelstandsprobleme aber anderer Natur: Personalplanung, Nachfolgeregelung, Immobilien. Wenn das alles geregelt ist, kann man sich um die Modernisierung der IT kümmern.“

Andererseits gibt es auch im Mittelstand Aufklärungsbedarf, weiß Volker Martens, Vorstand der Faktor 3 AG: „Noch haben nicht alle Führungskräfte erkannt, welchen Wertbeitrag die IT für ihr Unternehmen leisten kann und wie eng die IT-Verantwortlichen in die Planung der Geschäftsprozesse eingebunden werden müssen.“ Für Horst Ellermann, Chefredakteur des Magazins „CIO - IT-Strategie für Manager“, stellt sich das Problem so dar: „Mittelständler stecken knietief im Operativen. IT-Probleme lösen sie nach Hey-Joe-Prinzip, also mit Mitarbeitern, die von einem kaputten Rechner zum nächsten joggen. Denen muss man nicht erklären, was schief läuft. Allerdings sollte man von ihnen auch kein Projektmanagement oder Prozessanalyse erwarten. Das können sie genauso wenig, wie die mittelmäßig teuren IT-Berater, die von Mittelständlern gerne ins Haus gerufen werden - wieder nach Hey-Joe-Prinzip. Diese externen Berater müssen Prozesse mühsam bei den Mitarbeitern erfragen, die gerade zum nächsten Problem joggen.“

Wie lässt sich das Problem nun lösen? Ellermann empfiehlt: „Wenigstens so viel Kompetenz im eigenen Haus aufbauen, dass die IT-Mitarbeiter die Prozesse durchschauen und Probleme gegebenenfalls nach außen delegieren können.“ Gleichsam in diese Richtung zielt Volker Martens: „Wichtig ist die frühzeitige Einbindung der IT in alle Planungen, damit IT- und Unternehmensstrategie zu­sammenlaufen und sich nicht gegenseitig behindern.“ Das setzt allerdings die Einsicht des Managements voraus, dass vernünftige IT nicht nur Infrastruktur, sondern strategische Prozessunterstützung bedeutet. Nur auf diese Weise, mit Kooperation statt Koexistenz, lassen sich die individuellen Anforderungen sowie Chancen und Risiken ermitteln. Schließlich gilt, so Martens: „Eine individuell angepasste IT kann Geschäftsziele nachhaltig unterstützen und wichtiger Erfolgsfaktor sein.“

Eine konkrete Vision formuliert Heinrich Seeger: „Der Mittelstand zwingt die (unter zunehmendem Preis- und Leistungsdruck stehende) IT-Branche, pragmatische, anwendungsorientierte Lösungen und Service-Modelle zu entwickeln, mit denen der Mittelstand konkret und sofort etwas anfangen kann.“ Und das Ganze praktisch gewendet: „Eine Lösung könnte sich in der zunehmenden Verbreitung von ASP-Modellen und SaaS (Software as a Service) abzeichnen“, so Seeger. „Wenn es stabile, kostengünstige Modelle für den externen Betrieb von Standard-Business-Software (ERP, CRM, Office) gibt, kann man zunehmend auf teure und schwierig zu administrierende Lizenz-Software verzichten. Das wäre ein Argument, das den Mittelstand überzeugen würde. Es wäre dann nichts anderes als etwa externes Auto-Flottenmanagement oder Waschauftrage für Laborkittel und Kantinenwäsche: flexibel und nach Preis einzukaufender Service. Und damit gibt es seit vielen Jahren Erfahrungen im Mittelstand.“

Zusammenfassung und Appell: Mittelstand und IT müssen einander annähern, ihre Probleme und Potenziale erkennen. Eben das setzt aber eine funktionierende Kommunikation voraus - eine Verständigung, die Verständnis und Verstehen impliziert. Also müssen beide Seiten, voran die IT, ihre Sprachkompetenz verbessern. Nur so finden IT und Mittelstand zusammen. Schließlich wusste bereits Konfuzius: „Wenn die Sprache nicht stimmt, dann ist das, was gesagt wird, nicht das, was ge­meint ist; also dulde man keine Willkürlichkeit in den Worten; das ist es, worauf alles ankommt.“ Denn, nochmals Konfuzius: „Stimmen Namen und Begriffe nicht, so ist die Sprache konfus. Ist die Sprache konfus, so entstehen Unordnung und Misserfolg." Tja, so einfach ist das. Und so schwer ist das. Am Anfang war das Wort.

Kommentar | IT und Mittelstand: Exegese eines Kommunikationsproblems | NOLLS PASSAGE