12. Dezember 1999

Laue Nächte auf der Reeperbahn

Hafen, Huren, Zuhälter, Gangster und schummrige Etablissements – ist es das, was man von St. Pauli erwartet? Zumindest im Film wird der Stadtteil meist auf dieses Klischee reduziert. Davon keine Ausnahme macht auch die am Sonntagabend startende Programmstaffel „St. Pauli hautnah“ auf SAT 1. Sie eröffnet mit der fünfteiligen Doku-Soap „Ein Hoch auf St. Pauli“; es folgen am Montag-Abend Dieter Wedels „Der König von St. Pauli“ sowie eine „Spiegel TV-Reportage“ und ab 1. Oktober „Die rote Meile“, eine 26-teilige Kiez-Saga von Michel Bielawa.

Durchaus realistisch beginnt „Ein Hoch auf St. Pauli“: Eine Busladung Touristen wird ins „Safari“ geschleust, sich dort eine Sexshow anzusehen. Mehr indes leistet der Film nicht. Amüsiert und verwundert zugleich, also eher voyeuristisch, inszeniert er seine Protagonisten – über ihre Motive und Charaktere erfährt man nichts. Dass Club-Inhaberin Evelyn und Domina Babsi campen fahren, soll doch wohl nur bedeuten, sie führen eine ebenso bürgerliche Existenz wie der Produzent und sein best Boy. Darin aber drückt sich vollkommene Ahnungslosigkeit aus. Wer den Kiez kennt, wundert sich über nichts mehr.

Strukturen aufzuzeigen, gelingt immerhin den Filmen „Der König von St. Pauli“ und „Die rote Meile“ sowie derzeitig im Kino „St. Pauli-Nacht“. Sie rekonstruieren das Milieu, indem sie Geschichten erzählen, verrückte, traurige und bizarre. Doch erschöpfen sich auch diese Werke in einer bisweilen mythischen, bisweilen idyllischen Darstellung. Sie kaprizieren sich auf das Kleinbürgerliche und Liebenswerte, wissen aber nichts von beispielsweise dem herzlosen Geschäft der Prostitution. Ein Insider, der Zuhälter Victor, kommentierte das dahingehend: „So war´s früher mal. Und mir fehlen auch Ärsche und Titten. Besonders Ärsche. So was will ich in einem St. Pauli-Film sehen.“

Auf dem Kiez gibt es alles: Vergnügen und Trostlosigkeiten. Eben das nackte Leben. Im Film hingegen gibt es immer nur das eine: Klischees. Über Jürgen Rolands „St. Pauli-Report“ (1971) etwa schrieb damals ein Kritiker: „Das Filmdokument von Dirnen und Dieben, Zuhältern und Zaungästen auf der Reeperbahn schmückt sich kokett mit dem Anspruch, Authentisches zu liefern, doch bleibt es der alte pure Blick des Voyeurs in den Amüsierbetrieb rund um die Herbertstraße.“ Gleichwohl diente das Hafenviertel schon hundertfach als Schauplatz für allerhand Komödien, Kriminal-, Problem- und Liebesfilme. Das begann 1944 mit Helmut Käutners „Große Freiheit Nr. 7“, einer wehmütigen Serenade über Sehnsüchte, Fernweh und Matrosenromantik.

Da wird also unentwegt ein Milieu beliehen. Woher rührt die Faszination des Kiez? Was treibt jedes Jahr 25 Millionen Menschen auf die Reeperbahn? Was hoffen sie auf der sündigen Meile zu erleben? Wollen sie teilhaben an dem von Hans Albers besungenen Glücksversprechen? „Auf der Reeperbahn nachts um halb eins, / ob du´n Mädel hast oder keins, / amüsierst du dich, denn das findet sich / auf der Reeperbahn nachts um halb eins.“ Nun ist es wohl so, dass der Kiez ein lebendiges Biotop, eine Nische in der durchkalkulierten Alltagswelt darstellt. Doch dass sich der Film gerade jetzt wieder auf St. Pauli stürzt, dürfte weniger einem kulturkritischen Unbehagen denn einem Marketingerfolg geschuldet sein. Auch die Faszination am Verruchten taugt kaum zur Erklärung, da doch das Rotlichtmilieu schon längst durch die Medien gereicht wurde und also nichts Verruchtes mehr hat.

Artikel | St. Pauli im Film. Zur Konjunktur eines Sujets | NOLLS PASSAGE