| MediumMagazin | Mai 2004 |
Arglosigkeit allerorten | |
Es genügt nicht, keinen Gedanken zu haben; man muss ihn auch ausdrücken können. (Karl Kraus) „An den Läufen gefesselt“, berichtet die Hamburger Morgenpost am 4. Oktober 2003, „lag die kleine Heidschnucke im Kofferraum eines Opel Omega. Sie hatte kaum Platz, um sich zu bewegen.“ Das ist nicht erstaunlich. „Beim Versuch aufzustehen, stieß das Tier immer wieder mit dem Kopf gegen die Kofferraumklappe.“ Das ist erstaunlich. Anscheinend mühelos versetzt sich die Autorin in die Lage des Schafs. Wer schludert, landet im Kofferraum. Ein immerhin charmantes Beispiel. Andere Blätter gehören geschreddert und landen am Kiosk. Sie haben keinen Formbegriff, verwechseln Bildunterzeile mit Vorspann, verkünden im Vorspann, was der Fließtext nicht einhält, und verkehren Lesernutzen ins Gegenteil. Die Arroganz vieler Redaktionen ist erbärmlich. Unbeirrt erheben sie das Einfältige zum vorleuchtenden Paradigma der Vervielfältigung. Der Textchef ist ein souveräner Skeptiker. Er versteht sich auf Form und Stil, findet die treffende Darstellung und den bezeichnenden Ausdruck. Er wahrt Anspruch und Lesbarkeit des Mediums. So weit, so gut? Mitnichten. Das Amt erfordert neben handwerklichen soziale und moralische Qualitäten. Der Textchef ist Kritiker, Vermittler und Verteidiger zugleich. Eine diffizile und nicht immer delikate Konstellation. Geduld und Distanz sind unabdingbar. Der Textchef brieft, pflegt und schützt seine Autoren, er differenziert, entscheidet, kritisiert, motiviert, tröstet und vernichtet. Der Textchef ist Statthalter der Sprache. Seelenloses Geschwätz bereitet ihm Unbehagen. Er fordert Klarheit, Musik, Relevanz, Stringenz und Standpunkte. Immer wieder. Der Textchef muss an seinen Überzeugungen festhalten. Eine glatte Stirn deutet auf Unempfindlichkeit hin. Grundsätzlich anerkennt und verteidigt der Textchef individuelle Gepflogenheiten der Autoren, sofern sie Erkenntnis und Lust zu fördern imstande sind. Nichts ist langweiliger als durchgängiger Zuschnitt, nichts trostloser als eingeschränktes Vokabular. Wichtig ist Aufmerksamkeit. Man lässt Gedanken herankommen und bezieht Stellung. Das ist eine Verpflichtung gegenüber der Wahrheit. Altmodisch? Mag sein, doch scheint mir das die einzige Möglichkeit, unseren Beruf zu legitimieren. Wie die Geschichte mit der Schnucke endet? Polizist befreit Paarhufer, Übeltäter erklärt „Ich brauche es [das Schaf] zum Rasenmähen.“ Er wird wegen Tierquälerei zu einer Geldstrafe verurteilt. Die Morgenpost war wieder dabei und resümiert am 21. Januar 2004: „Mit gefesselten Beinen musste das Tier stundenlang nachts im Kofferraum eines Kombi liegen (...) die Schnucke versuchte verzweifelt, sich aufzurichten (...) Heute lebt das Tier glücklich auf einem Bauernhof.“ | |
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