| 3. April 2009 | |
Wider die geistige Verwahrlosung | |
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Bleib erschütterbar und widersteh (Peter Rühmkorf) Henning Venske ist der Apotheker meines Vertrauens, der Gott der intellektuellen Medikation. (Obwohl er mich für diese Formulierung grimmig anschauen und rügen wird.) Sollte dieser Kabarettist, Jahrgang 1939, jemals in Ruhestand gehen, wäre ich erledigt, bräuchte ich kiloweise Beruhigungsmittel und Antidepressiva sowie Legionen von Psychotherapeuten. Wenn dieser Mann nicht mindestens einmal im Jahr die Welt sortiert und die politischen Koordinaten justiert, bin ich verloren. Seine gnadenlosen Abrechnungen sind unverzichtbar für die geistige Hygiene. Der ganze Phrasenmüll, die Lügen und Unwahrheiten, die Blender, Schwätzer und Wichtigtuer, der Frohsinn und die Arglosigkeit – wer räumt diesen Mist weg, spricht Wahrheiten, erledigt die Pappnasen und rettet uns? Der Kabarettist Venske. Einer muss da sein aufräumen, sonst ersticken wir am ideologischen Unrat. Der Vorzug des Kabarettisten gegenüber den Psychotherapeuten und -analytikern: Er hat Humor; bei ihm gibt’s reichlich zu lachen. Die Erklärung immerhin stammt von Sigmund Freud: „Das Ich verweigert es, sich durch die Veranlassungen aus der Realität kränken, zum Leiden nötigen zu lassen, es beharrt darauf, dass ihm die Traumen der Außenwelt nicht nahe gehen können, ja es zeigt, dass sie ihm nur Anlässe zu Lustgewinn sind.“ Ein guter Kabarettist stellt Fragen: „Warum sind die Gefängnisse voll von Drogenabhängigen und leer von Bankern, die Drogendollars waschen?“ Und dient es der Sache, kennt er keine Gnade: „Treibe alle, die von Sozialpolitik reden und asoziale Entscheidungen treffen, bei bitterer Kälte unter die Brücken, lass sie sich mit neoliberalen Zeitungen zudecken und verordne ihnen eine Diät aus Abfalleimern.“ Satire ist ihm ein Mittel der Erkenntnis; Beispiel Börsenberichterstattung: „Auf dem Parkett erscheinen Herren, seriös wie Hütchenspieler im Blindenheim, sie stehen vor einer großen Tafel mit einer hysterisch gezackten Linie, als seien es Herzrhythmusstörungen eines Meerschweinchens mit Vogelgrippe, und labern mich voll.“ So frohlocken und verkaufen sie, erklären und kapieren jedoch nix. Die Folgen: Rettungspakete und Insolvenzverschleppungen. Schmalspurkomiker begnügen sich damit, den Politikern ans Bein zu pinkeln. Sie fegen mit müden Witzen den Skandal weg, den es zu erforschen gälte. So kapitulieren sie vor der gesellschaftlichen und politischen Realität, so betrügen sie ihr Publikum um das Recht zu lachen und um die Pflicht zu weinen. Henning Venske ist eine Ausnahme, eine intellektuelle Instanz, ein Kabarettist der guten alten Schule. Er analysiert die Entwicklungen in unserem Land mit einem Scharfsinn, der manchen Journalisten beschämen müsste. Dass Venske unermüdlich die allgemeine Denkschwäche geißelt, hat einen guten Grund: Der Glaube an Anstand und Gerechtigkeit muss verteidigt werden. Alles, was sich öffentlich regt, kreucht und fleucht, wird von Venske skeptisch begutachtet und bekommt seine verdiente Prügel. Verbale Entgleisungen spießt er mit einer solchen Kunstfertigkeit auf, dass der geschundene Geist auflacht, der Verstand triumphiert und das Herz vor Freude und Genugtuung hüpft wie ein Häschen im Weißkohlfeld. Was diesen Mann auszeichnet: Er ist authentisch und besitzt Haltung. Für die sporadischen Ambitionen, Mensch zu werden, ist es wichtig, dass es einen Venske gibt. Realpolitisch mag das verlorene Liebesmühe sein, aber es ist immerhin eine Weise, das Ganze auszuhalten ohne sich zu verraten, vielleicht auch etwas wahres Leben im falschen. Jedenfalls ist es wichtig, dass es einen Venske gibt. Einer muss schließlich da sein und aufräumen. | |
| Langfassung in der „Hamburger Rundschau“ am 3. Dezember 1999, später in „Die Welt“, zuletzt in „Junge Welt“. Zum 70. Geburtstag von Henning Venske: Hymne auf Deutschlands größten Kabarettisten | NOLLS PASSAGE | |