Feuilleton: Kabinett II : Nolls Passage : www.janoll.net
Berufen sein heißt aber ergriffen sein, durchglüht sein, gedrängt sein; heißt Hingabe und Leidenschaft, heißt Dienst und Opfer, heißt Werk und Wert, heißt Können und Kunst. Feld der Tat: der brausende Tag und sein vielfältiges Leben. Mittel: das geschriebene Wort. Berichtend, kritisierend, anregend, lobend, tadelnd, begeisternd, abwehrend, spottend, kämpfend, so begleitet das Wort des Tagesschreibers die Geschehnisse aller Art, aller Länder, aller Völker, und geleitet damit zugleich die vielen Tausende seiner Leser zum Bewusstwerden, Erfassen, Miterleben und Beurteilenkönnen von Zeit und Leben. Es ist Dienst am Tage und für den Tag. Es ist Wirken und Werken für die Stunde. Hineingestellt in die Flüchtigkeit der Zeit. (...) Und doch: Wo die Arbeit des Tagesschriftstellers Arbeit eines wirklich Berufenen ist, da schaffen Wille und Können unter dem, was für den Tag, für die Flüchtigkeit der Stunde bestimmt ist, so manches, das seinen Wert, seinen Duft und Klang weit über den Tag hinaus behält; das zu schade ist, um das Leben einer Eintagsfliege zu teilen, um in ein paar Archiv-Exemplaren zu vertrocknen und begraben zu sein; ich meine das gute, das nicht allzu häufig anzutreffende wirklich gute Feuilleton. – Hans Heinrich Bormann, anno 1926.
Essay I: Kabinett II : Nolls Passage : www.janoll.net
Philosophische Besinnung heißt vom Vertrauten auf das Befremdende zurückzukommen, im Befremdenden sich dem Wirklichen stellen. – Paul Valéry, anno 1926.
Essay II: Kabinett II : Nolls Passage : www.janoll.net
Eigentlich denkt der Denkende gar nicht, sondern macht sich zum Schauplatz geistiger Erfahrung, ohne sie aufzudröseln. Während aus ihr auch dem traditionellen Denken seine Impulse zuwachsen, eliminiert es seiner Form nach die Erinnerung daran. Der Essay aber wählt sie als Vorbild, ohne sie, als reflektierte Form, einfach nachzuahmen; er vermittelt sie durch seine eigene begriffliche Organisation (...) rückt dem hic et nunc des Gegenstandes so nah, bis er in die Momente sich dissoziiert, in denen er sein Leben hat, anstatt bloß Gegenstand zu sein. – Theodor W. Adorno, anno 1974.