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Nolls Marginalien

 

Nolls Passage

November 2002Dezember 2002
Samstag, 23. November 2002, 22:15 Uhr

Morgenröte

. — „Der freie Geist nähert sich wieder dem Leben, langsam freilich, fast widerspenstig, fast misstrauisch“, schreibt der wunderbare Nietzsche. „Fast ist ihm zu Muthe, als ob ihm jetzt erst die Augen für das Nahe aufgiengen. Er ist verwundert und sitzt stille: wo war er doch? Diese nahen und nächsten Dinge: wie scheinen sie ihm verwandelt! welchen Flaum und Zauber haben sie!“
Samstag, 23. November 2002, 21:42 Uhr

Finsternis

. — „Freilich ist die heutige Zeit“, konstatierte Gerhard Ramberg bereits zur vorletzten Jahrhundertwende, „der Entwicklung des Schriftthums nicht günstig. Das Hasten und Jagen nach Erwerb, der täglich schwierigere Kampf ums Dasein vermindern die Freude am Genuß und am Besitz geistiger Schätze.“
Mittwoch, 20. November 2002, 23:03 Uhr

Trägheit

. — „Weißt Du, ich könnte ja manches Kleine ändern“, so Hugo von Hofmannsthal am 4. Mai 1896, „aber ich bin so unglaublich indolent. Ich sitze stundenlang da und steh nicht auf, um mir ein Buch zu holen. Ich bin zu träg oder was es ist, um ein Kölnerwasser in das stinkende Waschwasser zu schütten. Solche Zustände sind eigentlich ängstlich. Aber sie sind auch wieder ganz gut. Ich weiß nicht genau, wie ich Dir das sagen soll: sie erweitern den inneren Sinn, sie bringen vieles wieder, was wie vergraben war. Wenn ich in der Nacht aufwache, bin ich so stark bei mir selbst, wie schon lange nicht. Ich komme so zu mir zurück, wie einer, der fortwährend Theater gespielt hat, zwar eine Rolle, die seinem Wesen geheimnisvoll nachgeahmt ist, aber doch eine Rolle.“ – Die Ästhetik der Negation. Eine kulturgeschichtliche Würdigung. Essay von Jörg A. Noll. 9700 Zeichen.
Dienstag, 19. November 2002, 15:25 Uhr

Ausschreibung

. — Die Idee, einen Folder zu erstellen. Schickes PDF mit schickem Inhalt. Vorwurf:

Stilbild
Dienstag, 19. November 2002, 12:39 Uhr

Das Wetter

. — Bericht von Gottfried Keller: „Es ist sehr kalt heute; das Gärtchen vor dem Fenster schlottert vor Kühle: Siebenhundertzweiundsechzig Rosenknospen kriechen beinahe in die Zweige zurück.“
Montag, 18. November 2002, 00:19 Uhr

Zerbrochen

. — In der Süddeutschen vom Freitag findet sich folgende Anzeige: „Voll tiefer Trauer geben wir bekannt, dass unsere Freundin Silvia Thomann an der Kälte der Menschen und der Stadt zerbrochen ist.“ Die Übersetzerin schied mit 48 Jahren aus dem Leben. Über die Umstände ihres Todes ist mir nichts bekannt. Der Anzeigentext mahnt an Cioran: „Wir sind die potenziellen Mörder jener, die in unserem Umkreis leben.“
Donnerstag, 14. November 2002, 16:09 Uhr+1

Geistige Bondage

. — Wenn warmer, trockener Wind in den Blättern raschelt, wirbelnde Hufe in der Sonne blinken und auf blütenweißen Tüchern sich appetitlich garnierte Speisen befinden, wenn die alte Fürstin so betroffen ist, dass sie fast ihr Sherryglas umgestoßen hätte und der junge Oberarzt kaum seine Bestürzung verbergen kann, wenn aufregende Erlebnisse und wunderbare Erleichterungen sich pausenlos die Hand geben, dann sind Sie bereits mittendrin: in einer Welt, wo Honig von den Bäumen tropft, wo Phrasen und Klischees den Geist nicht nur beleidigen, sondern womöglich sogar nachhaltig beschädigen. Schon die Serientitel der am Kiosk zu erwerbenden Groschenromane taugen dazu, einen empfindsamen Ästheten in die Ohnmacht zu zwingen: „Landarzt Dr. Fabian. Ein Dorf, seine Menschen und ihr Doktor“, „Chefarzt Dr. Cornelius“ und „Notruf an Dr. Kersten“. Da verspricht eine Serie wöchentlich „Sonne, Strand & Gute Laune“ und eine andere „Intrigen, Liebe, Glanz und Gloria“. Am liebsten sind mir da noch die so genannten Berg- und Heimatromane, mit so feschen Titeln wie: „Ich kauf’ mir heute eine Braut“ oder „Das Wildern lag ihm im Blut“. Hier wird noch munter geschwatzt, der Schurke vom Blitz niedergestreckt und für das Ende einer Liebschaft reicht der Hinweis, „dass das Tischtuch zwischen ihnen zerschnitten war“... – Wie der Trivialroman das Leben korrumpiert: Potpourri nebst Kritik. Essay von Jörg A. Noll. 8800 Zeichen.
Mittwoch, 13. November 2002, 23:09 Uhr+1

Tote Fische

. — Was ist eine Marke eigentlich? Wie, wann und warum verfalle ich ihr? Was bringt sie mir? Wem nützt sie? Inwieweit bestimmen Marken mein Auftreten? Viele Fragen. Die werde ich nicht alle beantworten können, will ich auch gar nicht alle beantworten. Denn das hieße, das Markenwesen ernst zu nehmen. Dabei sind Marken ein Hirngespinst, abstraktes Konstrukt, eine Phantasmagorie. Sie mogeln sich zunächst in die Regale, Kataloge und Werbung und dann in unser Bewusstsein. Aber kaufe ich die Marke oder das Produkt? Bringen mir Schriftzug, Logo, Farbe, Name des Herstellers etwas? Verdiene ich mehr, weil ich meinen Arbeitsvertrag mit einem Präsidentenfüller unterschreibe? Bin ich immun gegen Kündigungen, wenn mein Unterschriftsschreibzeug von der NASA getestet wurde? Steige ich mit dem Besitz eines Markenartikels in der Wertschätzung meiner Kinder, meines Nachbarn oder der katholischen Kirche? Was widerfährt mir, greife ich zur falschen Marke? Werde ich geächtet? Nein? Was soll dann der ganze Schmarrn mit den Marken? Was für ein Motiv könnte ich haben, mir Bettwäsche zuzulegen, die das Logo eines Getränkeherstellers trägt? Bringt mir das Vorteile? Gut, vielleicht bin ich ein Getränkeherstellerfan, ein Süchtiger, ein Markenjunkie, aber dann gehöre ich nichts ins Bett, sondern auf die Couch. – Der Widersinn der Marken. Streifzug durch eine Wahnwelt. Polemik von Jörg A. Noll. 10000 Zeichen.
Dienstag, 5. November 2002, 23:26 Uhr

Geduld

. — Comedy & Co. kommen. Zuvor ein weiterer Adorno: „Was einmal Komik war, stumpft unwiederbringlich sich ab; die spätere ist verderbt zum schmatzend einverstandenen Behagen. Am Ende wird sie unerträglich.“
Dienstag, 5. November 2002, 23:24 Uhr+1

Eröffnung

. — Herzlich willkommen zu Murphys Morphologie! Hier finden Sie Anmerkungen zum modernen Leben, Marginalien und Miszellen, Gedanken und Glossen. Allein: It’s not necessary funny. We add the comedy later. Damit die Aufzeichnungen nicht gänzlich anspruchslos daherkommen, tragen sie einen Untertitel, den Minima Moralia von Theodor W. Adorno entliehen: „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“.

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