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Nolls Marginalien

 

Nolls Passage

Mai 2003Juni 2003
Samstag, 31. Mai 2003, 19:17 Uhr

Spektakel, saftlos

. — G-Move. Eine verlorene Masse. Strecke und Vortänzer langweilig, Musik so schlecht wie noch nie. Grütze statt Techno. Wie es sein könnte, vor vier, fünf Jahren noch in Berlin war? Eine Schilderung von Elias Canetti: „Innerhalb der Masse herrscht Gleichheit. In dieser Dichte ist einer dem anderen so nahe wie sich selbst. Alles hängt hier an Bewegung. Alle Körperreize, die zu erfolgen haben, sind vorausbestimmt und werden im Tanze wiedergegeben. Um dieses glücklichen Augenblickes willen werden die Menschen zur Masse.“
Mittwoch, 28. Mai 2003, 17:04 Uhr

Neugierde

. — Man schaut ins Logfile und stellt fest, dass Mitarbeiter einiger Verlage hier mitlesen; voran der ASV und G+J. Liebe Kollegen, was liegt an? Warum meldet Ihr Euch nicht?
Mittwoch, 28. Mai 2003, 01:03 Uhr

Fiktion

. — Literarische Bestrebungen sind mir fremd. Und doch schlummert seit Jahren in mir der Gedanke, einen Kriminalroman zu schreiben. Lag das Projekt zunächst länger brach, weil es an einer geeigneten Co-Autorin mangelte, holte mich der Gedanke an Weihnachten wieder ein. Zehn Seiten an einem Vormittag. Und hier ein Auszug:

Franz Fromm, 56, Kriminalkommissar. Ein intelligenter Kerl, dem daran gelegen war, seine Talente durch die regelmäßige Einnahme von Alkohol zu mindern. [Die nachstehende Szene spielt in seiner Lieblingskneipe.] Er hielt inne und dachte an frühere Zeiten, die auch nicht besser waren. „Noch neun Jahre bis zur Pensionierung. Noch neun Jahre.“ Morgen würde er mit der Bank über das Darlehen sprechen. „Einen Wodka“, bestellte er mit Stimme und Fingerzeig. Seine liebste Bedienung griff nach Glas und seiner Marke. Für einen Moment fühlte sich Franz zu Hause. „Mit oder ohne Eis?“ distanzierte ihn die Thresenschlampe gleich darauf wieder zum geduldeten Gast. „Ohne“ antwortete er, enttäuscht darüber, dass sie seinen Gedanken nicht erraten hatte. Er zündete sich eine Zigarette an, denn er liebte es, nach dem ersten Schluck, der die Eingeweide spülte, den klebrigen Rauch zu inhalieren. Für eine Sekunde war jede Trostlosigkeit verflogen. „Wie geht es weiter?“ dachte er und stellte mit Genugtuung fest, damit nicht nur Abend, Fall und Leben gemeint zu haben, sondern auch sein Verhältnis zu Olga. Oder sollte er besser sagen: sein Verhältnis mit Olga? Er schüttelte sich und beschloss, in den nächsten Tagen, ihrer und vor allem seiner Gefühlsirritation nachzugehen.
Sonntag, 25. Mai 2003, 23:42 Uhr

Fußball

. — Zwar gewinnt der FSV Mainz 05 in Braunschweig mit 4:1, doch Eintracht Frankfurt schießt gegen den SSV Reutlingen in den letzten zehn Minuten noch drei Tore, den ausschlaggebenden Treffer zum 6:3 in der 93. Spielminute. Damit liegt die Eintracht in der Tabelle ein Tor vor Mainz und steigt als Drittplatzierter in die Erste Bundesliga auf. Die Chronologie des letzten Spieltags. Abgestiegen der FC St. Pauli. Ein Jammer.
Sonntag, 25. Mai 2003, 14:07 Uhr

Unerträglichkeiten

. — „Der Sommer kommt mit einem Haufen Unerträglichkeit“, beobachtete Thomas Bernhard, „diese Unerträglichkeit habe ich schon einmal gesehen: im Winter.“
Sonntag, 25. Mai 2003, 12:51 Uhr

Zerknittert

. — Gestern war doof. Zerrüttet von elendigem Husten schleppte ich mich zum Kabarett-Festival, ließ die Schlagersause auf dem Spielbudenplatz unbeobachtet und schleppte mich wieder nach Hause.
Dienstag, 20. Mai 2003, 16:05 Uhr

Politeia

. — Pragmatiker sind mir suspekt. Ich wünschte, die Leute an der Macht würden Karl Marx lesen.
Dienstag, 20. Mai 2003, 15:14 Uhr

Würg

. — Konfrontiert man mich mit Aufschriften wie „Jetzt noch leckerer“ oder „Mit verbesserter Rezeptur“, bin ich gleich bedient. Zunächst wegen der Unverschämtheit, dass zuvor offenbar unreife Produkte verhökert wurden, sodann wegen der Befürchtung, dass die Sachen nun noch scheußlicher schmecken. So erlebt bei Vanillepudding und Tütenpasta.
Dienstag, 20. Mai 2003, 15:06 Uhr

Klatsch

. — Der Inbegriff eines Manns, der Frau Feldbusch begattet, hat einen Fotografen geschlagen. Klatsch. Der hat eine Webseite. Dort erklärt er, dass er mit Fotos von Zeigefingerzeigern in einem peinlichen Buch aufgenommen werden möchte. Das allein rechtfertigt zwar noch keine Prügel, aber doch den Mittelfinger.
Sonntag, 18. Mai 2003, 22:37 Uhr

Paradigmen

. — Das Blog hat entschieden. Es ehrt die „Minima Moralia“, bekennt sich aber auch zum Format der Late Night Show. Dazu gehören Albernheiten und Zoten. Hättest du geschwiegen, wärst du Philosoph geblieben? Vermutlich nicht. Ex auribus cognoscitur asinus. Zurück zum Anfang.
Sonntag, 18. Mai 2003, 20:25 Uhr

Vatertag

. — Gestern beim Hochzeitstag eines Freundes gekickert. Mit meiner ehemaligen Chefin. Erfolgreich. Zu einem chauvinistischen Spruch hinreißen lassen. Dann wieder anständig benommen. Nun bringt mich dieser Link erneut in Bredouille. So what.
Sonntag, 18. Mai 2003, 18:24 Uhr

Ziele

. — Seit Wochen aufgeschoben: Geschäft mit den Kolumnen. Ein paar Texte aus der Schublade verschachern. Noch ein paar andere Sachen. Und gestern diese Schnapsidee: Lieder von Tom Waits einstudieren. (Hm, bemerke gerade, dass das Hören von Sinatra dem Vorhaben nicht förderlich ist.) Dabei interessiert mich Gesang herzlich wenig, allenfalls grunze ich manchmal ein bisschen. Aber „Step Right Up“, „Small Change“ oder „Invitation To The Blues“ im Repertoire zu haben, wäre wohl witzig. Zu den Texten.
Donnerstag, 15. Mai 2003, 14:28 Uhr

Verhört

. — Auf einer Pressekonferenz, ausgerichtet von einer der besten PR-Agenturen in Hamburg, zum dreißigsten Geburtstag der Lila Kuh. Sprach die Pressedame, dass sich auch Jenny Elvers hätte [?]icken lassen. Ich wurde hellhörig: „Ficken lassen?“ Nein, blicken ließ sie sich. Ich warf noch einen scheuen Blick auf Jasmin Wagner und trollte mich.
Mittwoch, 14. Mai 2003, 21:53 Uhr

Schmonzes

. — Das Informations- und Presseamt der Bundesregierung braucht eine PR-Agentur? Und Titelschutz für „Bade dich glücklich“, „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ und „Deutschlands peinlichste Freunde“? Sic transit gloria mundi.
Dienstag, 13. Mai 2003, 15:53 Uhr+2

Reklamation

. — Nee, nicht mit mir. Ich hasse Spam. Und melde jeden Werbemüll dem zuständigen Provider. Singsang aus dem Stadion: „Wir wollen Euch kämpfen sehen!“
Montag, 12. Mai 2003, 19:33 Uhr

Zweimal täglich

. — Hin und wieder gönne ich mir den schlechten Spaß, mich zu entblöden. Dann sage oder schreibe ich etwas, von dem ich weiß, dass es seltsam beim Gegenüber ankommt. Manchmal lasse ich mich auch zu unnötigen Schwärmereien hinreissen. Oder ich beschimpfe einen Redakteur der Süddeutschen und bringe mich um meine Mitarbeit. Ansonsten bin ich durchaus seriös und nachgerade bemerkenswert solide. Und etwas neugierig: Wer aus dem Verlagshause G+J liest seit Wochen meine Aufzeichnungen? Und wer vom ASV trieb sich hier herum? Und überhaupt: Allen Lesern die besten Wünsche. Vermehrt Euch.
Sonntag, 11. Mai 2003, 18:36 Uhr

Parerga und Paralipomena

. — „Danach performen wir in einem futuristischen Westernsaloon!“ Mit solchem Schmarrn wird René Baumann alias DJ Bobo auf einem Handzettel seiner Plattenfirma zitiert. Wie soll man da unvoreingenommen zum Konzert gehen? So häuften sich im Vorfeld allerhand Formulierungen zu einem Verriss erster Güte. Dann kam wieder alles anders. Der Künstler war besser als sein Ruf. Hat man selbst erlebt, dass er viele Leute mit seiner Show glücklich macht, verliert man die Lust am Verriss. Zur Kritik hier entlang.

Abend endete mit Impressionen vom Hafengeburtstag und eineinhalb Briefen. Elende Kopfschmerzen am nächsten Tag. Kein beschwingtes Sein im Sonnenschein. Schnelle Kritik und gerade noch Zeit, für Abendtermin fit zu werden. Maues Konzert. Kritik, Kleinkram, Frühstück, Wäsche, Hafengeburtstag ohne schöne Frauen, schlechter Techno, Cappuccino, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung und dieser Eintrag. – Die Arroganz und Illoyalität eines F.A.Z.-Redakteurs, der mich damals um einen Job bei dieser Zeitung betrog; mögen ihm Ekzeme dort wachsen, wo er sich mit seinen kurzen Armen nicht kratzen kann. Mit Wehmut wird das Magazin der Frankfurter Allgemeinen erinnert; eingestellt just als zwei Redakteure auf meine Artikel aufmerksam wurden. Ein Jammer. Leben geht weiter. – Apropos: Höret, Hamburger, nächstes Jahr kein Hafengeburtstag. Wegen einstweiliger Verfügung des Herrn N.; das Gekreiseiere des Flugzeugs und Hubschraubers geht mir auf den Keks.
Freitag, 9. Mai 2003, 14:24 Uhr

Burschen

. — Da war er sprachlos. Eine kleine Unterhaltung mit einem ehemaligen Arbeitskollegen. Irgendwie kam das Gespräch auf eine Tänzerin, die ich vor Jahren fotografiert hatte. (War damals als Reporter auf Erotikmessen unterwegs; hier eine Glosse zum Thema.) In der Tat ein hübsches Mädel. Fand auch der Kollege. Sprachlos wurde er, als ich beiläufig erwähnte, dass ich auf Einladung der Mädels bei ihnen in der Garderobe war. Leider war auch ich damals sprachlos.
Donnerstag, 8. Mai 2003, 22:31 Uhr

I Love Paris

. — Eine entzückende kleine Geschichte der kleinen entzückenden Gentry Lane. Hier zu lesen. Dass man Neurosen so fröhlich perzipieren kann, wunderbar. Das hat beinahe die Güte einer Dorothy Parker.
Mittwoch, 7. Mai 2003, 11:36 Uhr

Aufgelesen

. — Luzide Prosa, sauber recherchiert: „Sommerlich oder winterlich knapp bekleidet locken sie [die Straßenhuren] Freier für das kurze Vergnügen in ihre Zimmer. (...) Nebenan im Erotik Art Museum werden die Ohren wieder zum Glühen gebracht. Auf vier Etagen können über 1000 Objekte der Lust getrost bestaunt und beäugt werden.“ Hier gefunden. Aber, Abendblättler, keine Schadenfreude. Sie würde Euch vergehen, rupfte ich Euer Blatt.
Mittwoch, 7. Mai 2003, 11:33 Uhr

Fürsorge

. — Nachtrag zum Besuch meiner Eltern. Sie packen ihre Mitbringsel aus. Zeitungsartikel, Wein, Krimskrams, Kekse, Kaffee etc. Ihre größte Gabe quittiere ich mit unverhältnismäßiger Freude: „Yippieh, endlich wieder Klopapier!“
Dienstag, 6. Mai 2003, 18:18 Uhr

Grunz

. — Eben stand eine Blondine vor meiner Wohnungstür. Ich habe sie nicht herein gebeten. Sie war von der GEZ. Glaubt der NDR tatsächlich, er macht sich mit Kopfgeldjagden beliebt? Dabei hatte ich denen schon mitgeteilt, dass ich keine Rundfunkgeräte besitze, Printmensch bin. Und dennoch salbadern die „Lieber Rundfunkteilnehmer“. Nun werde ich denen wohl einmal antworten müssen. – „Höre ich da ein Radio?“ witterte das Wiesel. Nein, war CD, noch nicht erschienen, zur Rezension.
Dienstag, 6. Mai 2003, 17:47 Uhr

Medienwahn

. — Keine guten Nachrichten. „1/4 nach 5“ hat fertig. Schade, war ein nettes Blatt. Nicht-Superstar Daniel K. hingegen darf weiter in der Öffentlichkeit herumgurken. Danke, Molkerei aus Süddeutschland und Werbeagenturen.
Sonntag, 4. Mai 2003, 11:38 Uhr

Perle

. — Sissi Perlinger im St. Pauli-Theater. Tumult vor dem Eingang. Ein Mann weigert sich, das Theater zu betreten. Die Aktrice dünkt ihm hässlich, dumm und peinlich. „Nehmen Sie ein Buch mit“, riet ein Kollege. Dann betrat die Perlinger im Leoparden-Look die Bühne, gackerte und präsentierte ihr Dekollete. „Ihr könnt mich nicht wegzappen“, freute sie sich. Der Mann berechnet die Entfernung zum Notausgang. Und dann kam alles ganz anders. Die Frau hat ihm den Spaß verdorben. Und nebenbei etliche Klischees über ihre Person widerlegt. Sissi Perlinger war gut. Der Mann fand sie sogar sexy. Die Kritik in der Mopo, beste Postille der Armen und Hansestadt für Kleinkunst.

Hm, sicher nicht meine beste Kritik. Biege den Link lieber auf die Startseite der Kultur. Übrigens hat es am Fünften Mai Zweitausendrei wieder einmal einige seltsame Sächelchen. In der Politik: „Müntefering malt das Ende von Rot-Grün an die Wand“. Die Regierung hat offenkundig ein Problem mit ihrem Demokratiebegriff. Und sind wir schon bei diesem Thema: Was ist denn das für ein Kanzler, der jedes Mal, wenn ihm eine Schlappe bevorsteht, mit Rücktritt droht? – Hit des Tages im Panorama mit der Dachzeile: „Redakteure schämen sich für ihr Blatt“. Wie? Die Leserbriefe in der Bravo an Dr. Sommer sind gefälscht? Wer hätte das gedacht! Egal. Was mich erheitert, ist der Gedanke, dass Mitarbeiter den Unmut über ihr Produkt an Kollegen verscherbeln. Kinders, ick sag Euch, wenn das Schule macht…
Freitag, 2. Mai 2003, 18:31 Uhr+1

Nette Menschen

. — Beispielloser Kundenservice bei Salamander. Einen Mangel reklamiert und erhalten das Schuhwerk komplett saniert. Und dann der Hausarzt. Schätzt mich aus unerfindlichen Gründen als Gesprächspartner und schenkt mir ein Buch. Wem gebührten noch Blumen? Den Chefs bei der Mopo, die mich freundlich aufnahmen, dem Kollegen, der mich trotz diametraler Ansichten zu erheitern weiß, meinem Lieblingskabarettisten für seine Freundschaft, mancher Pressedame für ihren Service. Und natürlich und immer wieder meinen Eltern.
Freitag, 2. Mai 2003, 16:59 Uhr

Another one

. — Gratulation an ein witziges Weib. Gentry Lane hat Geburtstag. „I think I’ve been officially old for a few years now, so this particular age adjustment is not freaking me out. There’s really no difference between 33 and 34.”
Donnerstag, 1. Mai 2003, 15:03 Uhr

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. — Drei Blogs: „Das Schönste am Winter sind die weit aufgerissenen Augen des Liebsten, wenn man die kalten Hände überraschend unter seinen Pullover gleiten lässt.“ (Elfengleich) // „Ich habe in den letzten Tagen die wenigen klaren Sekunden dazu genutzt, darüber nachzudenken, warum ich keinen Sport mag. Und das Resultat ist: Ich finde es erniedrigend. Körperliche Anstrengung ist erniedrigend.“ (Waterkantville) // „Gesunder Menschenverstand ist auch so ein Spruch, den ich hasse. Wer bildet sich ein zu urteilen, wann ein Menschenverstand gesund oder krank ist? Es gibt krank und gesund, aber am Lauf der Welt wird sich trotzdem nix ändern.“ (Runtime Error)

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